Innerdeutsche Grenze als Freilandlabor

Winterweizen auf einem großen Feld in Ostdeutschland (Foto: Peter Bartary)

Die ehemalige deutsch-deutsche Grenze ist für Ökologen ein spannendes Freilandlabor. Denn hier grenzen die großen Felder der ostdeutschen Bauern direkt an die kleineren Parzellen im Westen. Genau dies haben nun Forscher genutzt, um den Einfluss von Bewirtschaftung und Feldgröße auf die Artenvielfalt zu untersuchen. Das überraschende Ergebnis: Unabhängig von der Feldgröße machen Biobauern trotz halber Erträge doppelten Profit. Doch die ökologische Bewirtschaftung kann den ökologischen Nachteil der Monokulturen kaum ausgleichen.

Auch gut 25 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung ist die ehemalige Teilung in Ost und West deutlich erkennbar – an der Feldlandschaft. Während im Westen Deutschlands eher kleinräumige Felder vorherrschen, dominieren östlich des früheren eisernen Vorhangs bis heute die riesigen Felder der ehemaligen Landwirtschaftlichen Genossenschaften (LPG). "Im Ostblock wurde nach dem Krieg die Intensivierung der Landwirtschaft kombiniert mit einer umfassenden Kollektivierung der Höfe", erklären Peter Batary von der Universität Göttingen und seine Kollegen. "Das resultierte in einem schnellen Wandel von einst 800.000 Familien-Bauernhöfen zu einer Landwirtschaft im Großmaßstab mit weniger als 20.000 Kooperativen." Um die Äcker besser mit großen Maschinen bearbeiten zu können, wurden die vorher meist nur zwei bis vier Hektar großen Felder zu riesigen, oft rund 20 Hektar großen Flächen zusammengelegt. Nach der Wende wurden die ehemaligne LPGs zwar von privaten Unternehmen übernommen, an der Struktur der Felder änderte sich aber kaum etwas.

Genau dies macht gerade die Region entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze zu einem perfekten Freilandlabor für Ökologen. Denn hier liegen die großen Feldflächen der Ostlandwirtschaft unmittelbar neben den bis zu sechsfach kleineren Felder der Westbauern. Wegen der räumlichen Nähe aber sind Klima und Umweltbedingungen für beide Gebiete gleich. Batary und seine Kollegen nutzen daher die Gelegenheit, um den Einfluss der Feldgröße auf die Artenvielfalt und die Erträge direkt zu vergleichen. Dafür untersuchten sie die Zahl der Pflanzen- und Tierarten sowohl an den Feldrändern als auch im Feldzentrum bei zweimal neun Ost-West-Paaren von Winterweizenfeldern. Ein Teil der Felder hüben wie drüben war konventionell bewirtschaftet, der andere in ökologischer Landwirtschaft. "Das ermöglicht es uns, die Effektivität der ökologischen Landwirtschaft für die Artenvielfalt bei beiden Feldgrößen zu untersuchen", erklären die Forscher. Aber auch die Wirtschaftlichkeit beider Feldtypen ermittelten sie.

Feldgröße genauso wichtig wie Bewirtschaftungsart

Das Ergebnis: Die ökologische Landwirtschaft ist profitabler als viele annehmen. Zwar erwirtschafteten sowohl bei den großen als auch den kleinen Feldern die Biobauern nur rund halb so viel Ertrag wie die konventionellen, dafür aber brachte ihre Ernte deutlich mehr Geld ein. Miteinander verrechnet ergab sich ein fast doppelt so hoher Profit für die ökologische Landwirtschaft, wie die Forscher berichten. Unabhängig von der Bewirtschaftungsart erbrachten zudem die größeren Felder mehr Gewinn als die kleineren. "Großräumigkeit führte zu keinem höheren Ertrag, aber zu 50 Prozent mehr Gewinn für die Landwirte – wegen der geringeren Produktionskosten", berichtet Batary.

Wie aber wirken sich Anbauform und Feldgröße auf die Artenvielfalt aus? Wie erwartet, förderte eine Bewirtschaftung ohne Pestizide und mit verringerter Düngung die Biodiversität. "Die ökologisch bewirtschafteten Felder beherbergten mehr Arten und Individuen von allen untersuchten Tier- und Pflanzengruppen", berichten Batary und seine Kollegen. "Der Effekt war dabei für die Pflanzen mit 44 Prozent Unterschied am größten." Doch noch stärker als die Frage ob konventionell oder ökologisch bewirtschaftet, machte sich die Feldgröße in der Bilanz der Artenvielfalt bemerkbar: "Die meisten Arten und ihre Populationen waren auf die Feldränder begrenzt", so die Forscher. Weil die kleineren Felder im Westen mehr Hecken und Randstreifen im Verhältnis zu ihrer Fläche besitzen, bieten sie Tier- und Pflanzenarten auch mehr nutzbaren Lebensraum. Als Folge ist auch die Artenvielfalt höher. "Wenn wir neun kleine Felder im Westen haben, beherbergen sie mehr Arten als vier große Felder mit gleicher Gesamtfläche im Osten – unabhängig von der Bewirtschaftungsart", berichten Batary und seine Kollegen.

Nach Ansicht der Wissenschaftler belegt dies, wie wichtig eine kleinräumige, von Feldrändern und Randstrukturen geprägte Landwirtschaft für die Biodiversität ist. "Die Kleinräumigkeit der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung für die Biodiversitätsförderung ist genauso wichtig wie die Umstellung auf ökologischen Landbau, spielt aber leider bei der Förderung im Rahmen der EU-Agrarpolitik bisher keine Rolle", betont Batary.

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