Disruptives Fracking

Fracking: Förderung von Erdgas und Erdöl aus unkonventionellen Lagerstätten (thinkstock)

Die Gewinnung von Erdgas mittels Fracking ist hoch umstritten. In den USA sorgt diese Methode, Gas aus dem Untergrundgestein auszutreiben, für einen neuen Boom in der Gasförderung. Es mehren sich dort aber auch die Berichte von Grundwasser-Kontamination und ungeregelten Gasaustritten in der Umgebung der Fracking-Pumpen. Jetzt haben US-Forscher einen neuen Grund zur Sorge aufgedeckt: Die beim Fracking eingesetzten Spülflüssigkeiten enthalten hormonähnlich wirkende Chemikalien - und diese finden sich auch im Grundwasser benachbarter Brunnen.

Das Fracking, oder hydraulic fracturing, ist eine Methode, um Erdgas und Öl zu fördern, das nicht in großen unterirdischen Kammern lagert, sondern in den kleinen Poren und Rissen des Untergrundgesteins gespeichert ist. Um dieses Gas oder Öl auszutreiben, wird unter hohem Druck Wasser vermischt mit Lösungsmitteln und weiteren Chemikalien in Bohrlöcher gepumpt. Diese Flüssigkeit bricht das Gestein auf und treibt das Erdgas oder Öl aus, so dass es nach oben abgepumpt werden kann.

Mehr als 100 endokrine Disruptoren in der Fracking-Flüssigkeit

"Bei diesem Fracking-Prozess werden mehr als 750 Chemikalien eingesetzt", erklären Christopher Kassotis von der University of Missouri in Columbia und seine Kollegen. "Mehr als 100 dieser Substanzen sind bekannte oder vermutete endokrine Disruptoren (EDC)." Dabei handelt es sich um Chemikalien, die den Hormonhaushalt von Mensch und Tier stören, weil sie im Körper ähnlich wirken wie Hormone. Sie bringen damit das sensible Gleichgewicht dieser Botenstoffe durcheinander. Aus Tierversuchen ist bekannt, dass beispielsweise östrogenähnlich wirkende Chemikalien zu Unfruchtbarkeit und erhöhten Krebsraten führen können, Stoffe die sich an die Andockstelle für das männliche Geschlechtshormon Testosteron anlagern, können zu Missbildungen im männlichen Genitaltrakt und ebenfalls zu Unfruchtbarkeit führen.

"Mit dem Boom des Frackings könnten Menschen größeren Gesundheitsgefahren durch zunehmende Belastung mit diesen endokrinen Disruptoren ausgesetzt sein", vermutet Seniorautorin Susan Nagel von der University of Missouri School of Medicine. Ob das tatsächlich der Fall ist, haben sie und ihre Kollegen in Garfield County im US-Bundesstaat Colorado untersucht. Dort gibt es zurzeit mehr als 10.000 aktive Gasförderstellen, in denen mithilfe von Fracking Erdgas gewonnen wird.

Die Forscher analysierten zunächst zwölf in Fracking-Flüssigkeit enthaltene Chemikalien auf ihre hormonelle Wirkung hin. Wie sich zeigte, wirkten alle zwölf der üblicherweise der Fracking-Flüssigkeit zugesetzten Chemikalien als endokrine Disruptoren. Die Substanz 2-Ethyl-1-Hexanol störte dabei am stärksten den Östrogenhaushalt, Ethylenglykol blockierte dagegen die Testosteronrezeptoren, wie die Forscher berichten.

Erhöhte Hormonaktivität im Grundwasser

Dann entnahmen die Wissenschaftler Proben von Grund- und Oberflächenwasser an fünf Stellen in Garfield County und zum Vergleich in einer Region ohne Fracking. Auch bei diesen Proben prüften sie anhand von chemischen Analysen und in Zellkulturen, ob eine endokrine Wirkung festzustellen war. Das Ergebnis: Die meisten Wasserproben aus dem Garfield County enthielten tatsächlich endokrine Disruptoren: Das Grundwasser aus drei Brunnen in dieser Region wirkte östrogenähnlich, das Oberflächenwasser von zwei Probenstellen ebenfalls. Zwei andere Gewässerproben erwiesen sich als Östrogen blockierend, wie die Forscher berichten.

"Das ist das erste Mal, dass die Präsenz solcher endokrinen Disruptoren in Grund- und Oberflächenwasser von Fracking-nahen Orten nachgewiesen wurde", konstatieren die Forscher. "ihre Gegenwart könnte das Risiko für reproduktive, metabolische und neurologische Erkrankungen bei Anwohnern erhöhen." An einer Probenstelle war vor einigen Jahren ein Leck aufgetreten, bei dem Fracking-Abwasser austrat. Seither musste eine in der Nähe gelegenen Farm aufgegeben werden, weil die Tiere keinen Nachwuchs mehr produzierten. Möglicherweise habe das auch an der hohen Östrogen-blockierenden Aktivität im dortigen Trinkwasser gelegen, mutmaßen die Wissenschaftler. Es sei daher dringend notwendig, die möglichen Risiken des Frackingprozesses für Mensch und Umwelt genauer als bisher zu prüfen.

 

 

 

 

© wissenschaft.de - Nadja Podbregar
17.12.2013
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