Ohne Fleisch zum Klimaschutzziel

Die Produktion von Rindfleisch setzt große Mengen Treibhausgase frei (thinkstock)

Keine gute Nachricht für Fleisch-Liebhaber: Um die fortschreitende Erwärmung der Erde zu bremsen, könnte künftig auch eine Umstellung unserer Ernährungsweise nötig sein. Denn essen wir weiter so viel Fleisch und Milchprodukte wie bisher, dann werden sich die weltweiten Emissionen aus der Landwirtschaft bis 2070 verdoppeln, wie schwedische Forscher jetzt vorrechnen. Der Klimaschutz in anderen Bereichen allein wäre dann nicht mehr ausreichend, um das Zwei-Grad-Klimaschutzziel noch zu erreichen. Abhilfe schafft ihren Modellen nach nur ein weitgehender Verzicht auf emissionsintensive Nahrungsmittel wie Rind- und Lammfleisch, Käse und Milch.

Soll das von der UN und vielen Regierungen angestrebte Klimaschutzziel von nur zwei Grad Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts eingehalten werden, sind drastische Einschnitte bei den Treibhausgas-Emissionen nötig. Betroffen sind davon vor allem die momentan größten Verursacher, der Verkehrs- und Energiesektor. Aber in den nächsten Jahrzehnten könnte auch die Landwirtschaft eine immer größere Rolle für die Emissionen spielen. Denn durch die wachsende Weltbevölkerung steigt auch der Bedarf an Lebensmitteln, zunehmender Wohlstand in Ländern der Dritten Welt sorgt zudem dafür, dass immer mehr Fleisch und Milchprodukte konsumiert werden. Das aber treibt den Treibhausgas-Ausstoß der Landwirtschaft in die Höhe, warnen Fredrik Hedenus und seine Kollegen von der Technischen Hochschule Chalmers in Göteborg.

Verdoppelte Emissionen bis 2070

Von heute 7,1 Gigatonnen CO2-Äquivalenten pro Jahr werden die Emissionen der Landwirtschaft sich bis 2070 auf 13 Gigatonnen verdoppeln, wie die Forscher mit Hilfe von gekoppelten Klima-Wirtschaftsmodellen ermittelten. Für einen Teil dieser Treibhausgase ist Stickstoff aus gedüngten Feldern verantwortlich, ein Großteil stammt aber aus den von Rindern, Schafen und anderen Pflanzenfressern abgegebenen Methan. 2070 werden bereits zwei Drittel aller landwirtschaftlichen Emissionen auf diese Fleischproduktion zurückgehen, so die Schätzungen der Wissenschaftler. Ein Teil dieser Emissionen lasse sich zwar durch effektivere Anbau- oder Haltungsmethoden senken. "Aber die damit erreichbaren Reduktionen sind begrenzt und werden nicht ausreichen, um uns bei weiterhin steigendem Konsum von Fleisch und Milchprodukten unter der Zwei-Grad-Grenze zu halten", sagt Koautor Stefan Wirsenius.

Er und seine Kollegen haben daher in ihren Modellrechnungen untersucht, wie sich eine Veränderung der Ernährungsweise auf die globalen Emissionen der Landwirtschaft auswirken würde. Sie verglichen dabei die Entwicklung bis 2070 in vier Szenarien: Das erste folgte den Prognosen der UN- Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO – mehr Konsum von Fleisch und Milchprodukten. Das zweite geht von einer stark verbesserten Effizienz der Landwirtschaft durch emissionssparendere Anbau- und Zuchtmethoden aus. Im dritten und vierten Szenario simulierten sie eine Ernährungsumstellung, bei der 75 Prozent des Rinder- und Lammfleisches und der Milchprodukte entweder durch andere Fleischsorten oder durch Gemüse und Getreideprodukte ersetzt werden.

Weniger Fleisch, Milch und Käse

Das Ergebnis war eindeutig: "Nur wenn wir von einem verringertem Konsum von Fleisch und Milchprodukten ausgehen, bleibt der Anteil der Emissionen aus der Landwirtschaft bis 2070 unter der Hälfte des Gesamtausstoßes", berichten die Forscher. Werden 75 Prozent dieser Nahrungsmittel durch weniger klimaschädliche Alternativen ersetzt, dann sinkt der Ausstoß von Methan und Stickstoff auf unter fünf Gigatonnen CO2-Äquivalente pro Jahr. Zusammen mit effektiveren Methoden senkt das die Emissionen der Landwirtschaft um immerhin 75 Prozent, wie die Modellrechnungen zeigten.

"Veränderungen unserer Ernährung sind daher entscheidend, wenn wir das Zwei-Grad-Ziel mit hoher Wahrscheinlichkeit erreichen wollen", konstatieren Hedenus und seine Kollegen. Wie sie betonen, bedeutet das aber nicht, dass wir alle ab morgen nur noch strikt vegetarisch oder vegan leben müssen. Denn in ihrem Szenario gingen die Forscher von Flexitariern aus – Menschen, die weitestgehend auf Fleisch verzichten, aber sich ab und zu durchaus mal ein Steak oder eine Wurst gönnen. Und auch beim Zeithorizont bleiben Hedenus und seine Kollegen realistisch: "Ein umfassende Ernährungsumstellung kann eine lange Zeit dauern. Wir sollten aber schon heute anfangen darüber nachzudenken, wie wir unser Essen klimafreundlicher machen können."

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