Autismus durch Pflanzenschutzmittel

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Gefräßige Raupen, Blattläuse und Co - die chemische Keule ist für Bauern oft die einzige Möglichkeit, ihre Lebensgrundlage zu sichern. Doch was Schädlingen den Gar ausmacht, birgt auch Risiken für den Menschen – das hat nun erneut eine US-Studie aufgezeigt. Demnach ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Mutter ein Kind mit Autismus oder einer anderen geistigen Entwicklungsstörung zur Welt bringt, deutlich erhöht, wenn sie in der Nachbarschaft von landwirtschaftlichen Flächen lebt.

Die Ergebnisse der Forscher um Irva Hertz-Picciotto von der University of California in Davis basieren auf dem Abgleich der Häufigkeit von geistigen Entwicklungsstörung bei Kindern und der Nähe des Wohnortes ihrer Mütter zu landwirtschaftlich genutzten Flächen, auf denen regelmäßig Pflanzenschutzmittel ausgebracht werden. Die Wissenschaftler nutzten dazu die Informationen des California Pesticide Use Reports. Darin müssen Bauern angeben, wo, wie viel und welche Pflanzenschutzmittel sie wann eingesetzt haben. Diese Daten konnten die Forscher dann mit Informationen verknüpfen, welche die Adressen von ungefähr 1.000 Familien umfassten, in denen in einigen Fällen ein Kind mit einer geistigen Entwicklungsstörung lebte.

Durch Fragebögen erfassten die Forscher bei diesen Familien zusätzlich, wo genau sich die jeweiligen Mütter der Kinder während ihrer Schwangerschaft aufgehalten hatten. Mit den gesammelten Informationen entwickelten sie Karten, aus denen sowohl die Einsatzorte bestimmter Pflanzenschutzmittel hervorgingen als auch die räumliche Häufigkeitsverteilung von geistigen Entwicklungsstörungen. Die meisten Wirkstoffe der eingesetzte Pflanzenschutzmittel konnten die Forscher der Gruppe der Organophosphorverbindungen zuordnen. Darauf folgten die sogenannten Pyrethroide und auch Pestizide auf der Basis von Carbamaten.

Bedenkliche Nachbarschaft

Aus den statistischen Auswertungen ging hervor: Mütter, die im Umkreis von 1,25 bis 1,75 Kilometer von Farmen und Feldern gelebt hatten, wo während ihrer Schwangerschaft gespritzt wurde, besaßen durchschnittlich ein um zwei Drittel höheres Risiko, ein Kind mit Autismus oder einer geistigen Entwicklungsstörung zu bekommen. Dabei folgt der Zusammenhang einem Gradienten: Je weiter die Entfernung zu den Feldern, desto geringer ist das Risiko und umgekehrt. Die stärkste negative Wirkung scheinen die Pflanzenschutzmittel im zweiten und dritten Schwangerschaftsdrittel zu haben, legen die Daten nahe.

Es ist bereits bekannt, dass das Gehirn von Kindern während der Entwicklung im Mutterleib besonders empfindlich auf bestimmte Substanzen reagiert. Frühere Untersuchungen haben auch schon darauf hingewiesen, dass Pestizide die Bildung und Funktion von Hirnstrukturen stören und damit geistige Entwicklungsstörungen verursachen können. Die aktuelle Studie unterstreicht dies nun erneut eindrucksvoll. Offenbar sind spezielle Hirnfunktionen betroffen, auf denen Stimmungen, Lernen und soziale Verhaltensweise beruhen. Dadurch ergibt sich der Zusammenhang mit Autismus und Co.

„Wir müssen zwar noch herausfinden, ob bestimmte Gruppen von Menschen besonders empfindlich auf die Substanzen reagieren, aber die grundsätzliche Botschaft ist klar: Schwangere sollten bestmöglich jeden Kontakt zu Pflanzenschutzmitteln vermeiden", sagt Hertz-Picciotto. Den Studienergebnissen zufolge gilt das offenbar nicht nur im Zusammenhang mit der Ernährung, sondern auch mit der räumlichen Nähe zu Orten, wo die entsprechenden Wirkstoffe in die Umwelt gelangen. Hertz-Picciotto zufolge sei eine Auseinandersetzung mit dem Problem sowohl auf gesellschaftlicher als auch persönlicher Ebene nötig, um die Situation zu verbessern. „Ich wollte mit meiner Familie nicht an einem Ort wohnen, wo in der Nähe Pestizide ausgebracht werden", so die Forscherin.

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