Drei Millionen Tote jährlich durch Feinstaub

Todesfälle durch Feinstaub bis 2050. ( Nature 2015)

Dunstglocken über Megacities, Feinstaubalarm an Hauptstraßen: Trotz verbesserter Abgasfilter ist die Luftverschmutzung gerade in den Ballungsräumen weltweit ein enormes Problem. Was das für unserer Gesundheit bedeutet, hat ein internationales Forscherteam nun erstmals quantifiziert. Demnach gehen weltweit jedes Jahr mehr als drei Millionen vorzeitige Todesfälle auf das Konto der Feinstaub-Belastung. Geht die Entwicklung so weiter, könnten 2050 bereits mehr als sechs Millionen Menschen jährlich an den Folgen der Luftverschmutzung sterben, warnen die Forscher.

Feinstaub umfasst Schwebstoffe in der Luft, die nur wenige Mikrometer groß sind. Als am gefährlichsten gelten dabei die kleineren Partikel von 2,5 Mikrometern Größe, weil sie tief in die Lunge eingeatmet werden können. Studien zeigen, dass die winzigen Schwebstoffe Lungenkrebs fördern, aber auch die Lungenkrankheit COPD, sowie Schlaganfälle und Herzinfarkte. Bekannt ist zudem, dass der größte Teil des Feinstaubs durch Verbrennung kohlenstoffhaltiger Verbindungen entsteht, darunter Diesel oder Benzin im Verkehr, bei der Kohleverbrennung in Kraftwerken. Viel Feinstaub wird auch aus brennendem Holz in Öfen und bei der Brandrodung freigesetzt. Doch auch die Landwirtschaft trägt indirekt zur Feinstaubbelastung bei: Aus Dünger und Gülle werden stickstoffhaltige Gase freigesetzt, die in der Luft die Bildung von Schwebstoffen fördern. Und nicht zuletzt können auch natürliche Staubquellen Feinstaub abgeben, die Spanne reicht hier vom Staubsturm in der Wüste bis zu aufgewirbeltem Staub bei der Verladung von Schüttgütern.

Wie viele Todesfälle gehen auf Konto des Feinstaubs?

So weit, so bekannt. Unklar war jedoch bisher, wie viele Menschen tatsächlich wegen der Feinstaub-Belastung der Luft an diesen Leiden erkranken und daran sterben – und wie viele Todesfälle durch verbesserte Luftqualität vermeidbar wären. Genau dies haben Jos Lelieveld vom Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz und seine Kollegen nun auf globaler Ebene ermittelt. Sie nutzten dafür ein hochaufgelöstes Modell der Atmosphärenchemie und -zirkulation und kombinierten dieses mit Daten zur Populationsdichte, den Gesundheitsstatistiken der verschiedenen Länder und einer Funktion, die die Anfälligkeit des Körpers für bestimmte Dosen der Feinstaubbelastung beschreibt. Gezählt wurden dabei die vorzeitigen Tode durch feinstaubbedingte COPD, Lungenkrebs  Infarkte und Schlaganfällen sowie akute Bronchitis bei Kleinkindern.

Das Ergebnis: Die Belastung der Außenluft mit Feinstaub ist weltweit für 3,15 Millionen Todesfälle pro Jahr verantwortlich. Das bedeutet, dass fünf Menschen pro 100.000 jedes Jahr vorzeitig sterben, weil die Luft in ihrer Umgebung mit Feinstaub belastet war. Und das betrifft allein die Außenluft: Rechnet man die von den Forschern nicht berücksichtigte Feinstaubbelastung in Wohnungen oder an Arbeitsplätzen mit ein, dann kommen noch einmal 3,54 Millionen Todesfälle jährlich hinzu, wie Lelieveld und seine Kollegen betonen. Wie ihre Berechnungen ergaben, fordert der Feinstaub in China und Indien am meisten Opfer pro Einwohner, gefolgt vom Nahen Osten und Südostasien. Dies sind auch die Regionen, in denen die Feinstaubbelastung mit am höchsten ist.

Haushalte, Landwirtschaft und Verkehr als Hauptschuldige

Woher aber kommt der Feinstaub, dem so viele Menschen zum Opfer fallen? Interessanterweise ist dies von Kontinent zu Kontinent sehr verschieden, wie das Modell ergab. "In den dicht bevölkerten Gebieten Asiens ist die Energienutzung der Haushalte und Gewerbe die größte Belastungsquelle", berichten die Forscher. Gemeint sind damit Holz- und Kohlefeuer für das Heizen und Kochen, aber auch Dieselgeneratoren. In China verursachen diese Emissionen gut ein Drittel der Feinstaubbelastung, in Indonesien und Indien sind es sogar 50 bis 60 Prozent. Und auch weltweit betrachtet stammt rund ein Drittel der Luftverschmutzung durch Feinstaub aus solchen Quellen. Eine Million Todesfälle könnten allein aufs Konto dieser Feinstaubquellen gehen, sagen Lelieveld und seine Kollegen.

Erstaunlicherweise ist die zweitgrößte Feinstaubquelle weltweit nicht der Verkehr oder die Industrie, sondern die Landwirtschaft. "In vielen europäischen Ländern liegt ihr Beitrag bei 40 Prozent und mehr", so die Forscher. Auch in Japan, dem Osten der USA und in der Türkei geht der größte Anteil des Feinstaubs auf Dünger, Gülle und Co zurück. Allerdings: Weil die Stickstoff-Schwebstoffe wahrscheinlich weniger gesundheitsschädlich sind als Ruß, liegen sie bei den Todesfällen nicht an zweiter Stellen, wenn dies berücksichtigt wird, wie die Wissenschaftler betonen.  Deutlich relevanter für die Gesundheit sind dagegen die Feinstaub-Emissionen von Verkehr und Kraftwerken. "Sie sind in Deutschland, Großbritannien und den USA für ein Fünftel der Todesfälle durch Feinstaub verantwortlich", berichten die Forscher.

Und es könnte noch schlimmer kommen: Wird nichts gegen die Luftverschmutzung getan, dann wird sich die weltweite Situation deutlich verschärfen, warnen sie. Ihre Modellrechnung zeigt: Bis 2050 würde die globale Mortalität durch Feinstaub dann auf 6,6 Millionen Menschen pro Jahr ansteigen – am meisten in Asien, etwas weniger in den Ballungsräumen Europas und Amerikas. "Um dies zu verhindern, sind intensive Maßnahmen zur Kontrolle der Luftqualität nötig, vor allem in Süd und Ostasien", konstatieren Lelieveld und seine Kollegen.

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