Grüne Lunge auf die Rote Liste

Eine symbolträchtige Schneise durch den Regenwald (Foto: Emilio Vilanova)

Der Regenwald im Amazonasgebiet ist der größte und vielfältigste Regenwald der Erde. Doch sein Artenreichtum ist in Gefahr. Wie Forscher nun analysiert haben, könnte mehr als die Hälfte aller Baumarten dieses einzigartigen Lebensraumes vom Aussterben bedroht sein und demnach auf die Rote Liste der gefährdeten Arten gehören. Damit würde die Zahl der weltweit bedrohten Pflanzenarten um etwa 22 Prozent steigen. Die Situation ist den Forschern zufolge jedoch nicht gänzlich hoffnungslos – viele Arten könnten noch gerettet werden.

Das Amazonasbecken erstreckt sich über neun Staaten Südamerikas hinweg. Auf einer beeindruckenden Fläche von 6,7 Millionen Quadratkilometern beheimatet es die bedeutendste grüne Lunge der Erde: den Amazonas-Regenwald. Die zunehmende Vernichtung dieser Waldareale durch Abholzung und Brandrodung alarmiert Umweltschützer schon seit Langem. Allein in Brasilien wurden laut der Naturschutzorganisation WWF in den vergangenen zehn Jahren pro Minute circa zwei Fußballfelder Regenwaldfläche vernichtet. Die Folgen für das Ökosystem sind bekannt: Bodenerosion, Verlust von Lebensraum für Tiere und Pflanzen und verändertes Klima.

Wie sich die Entwaldung jedoch konkret auf das Vorkommen einzelner Arten ausgewirkt hat, ist dagegen nahezu unbekannt. Genau das hat ein internationales Forscherteam um Hans ter Steege vom Naturalis Biodiversity Center im niederländischen Leiden nun untersucht. Die Wissenschaftler wollten wissen: Wie hat der Waldverlust die Populationsgröße verschiedener Baumarten im Amazonasbecken und dem angrenzenden Hochland von Guayana beeinflusst? Und wie wird sich weitere Abholzung in Zukunft auf die Bestände auswirken?

Baumbestände unter der Lupe

Für ihre Studie haben die Wissenschaftler Daten von Wald-Bestandsaufnahmen mit Karten bereits durchgeführter sowie geplanter Entwaldungsmaßnahmen verglichen. Auf diese Weise konnten sie für 15.000 verschiedene Baumarten abschätzen, in welchen Gebieten diese von Vernichtung betroffen sind. Die Forscher berechneten dabei den Populationsrückgang von 4.953 weit verbreiteten und 10.247 eher seltenen Arten. Zudem prognostizierten sie für diese Spezies den weiteren Rückgang bis zum Jahr 2050.

Erstmals haben die Forscher dabei nicht nur den Populationsverlust für bestimmte Arten zeigen können, sondern auch, welcher Anteil einer Population in geschützten Arealen wie Naturschutzparks oder Reservaten für indigene Bevölkerungsgruppen liegt. Ebenfalls neu ist, dass die Wissenschaftler ihre Ergebnisse nach den Kriterien der Weltnaturschutzunion IUCN interpretiert haben. Die IUCN gibt in regelmäßigen Abständen die sogenannte Rote Liste heraus – eine Auflistung weltweit bedrohter Tier- und Pflanzenarten unter Angabe ihres Gefährdungsstatus. Bislang, sei nur ein winziger Teil der Amazonas-Bäume offiziell für die Rote Liste bewertet worden, so die Forscher.

Schutzzonen für die Artenvielfalt

Wie das Team nun im Fachmagazin Science Advances schreibt, müssten nach diesem Maßstab 36 bis 57 Prozent der 15.000 untersuchten Baumarten als gefährdet eingestuft werden. Der bedrohliche Rückgang betrifft demnach Urwaldriesen wie den bis zu 50 Meter hohen Paranussbaum, aber auch wichtige Nahrungsmittelpflanzen wie den Kakaobaum oder die Kohlpalmenart Euterpe oleracea. Die beobachteten Trends gelten den Forschern zufolge nicht nur für das Amazonasgebiet, sondern für die gesamten Tropen. Wahrscheinlich sei ein Großteil der mehr als 40.000 tropischen Baumarten global gefährdet.

Gleichzeitig geben die Beobachtungen Anlass zur Hoffnung: Denn viele der gefährdeten Arten sind zumindest teilweise auch durch Naturschutzgebiete geschützt. Von den 4953 weit verbreiteten Baumarten sind sogar alle mit Individuen in solchen geschützten Zonen vertreten. „Das ist eine gute Nachricht", sagt Studienleiter Steege. „In den vergangenen Jahrzehnten haben die Länder Amazoniens viel für die Erweiterung von Schutzgebieten sowie die Stärkung indigener Landrechte getan. Davon profitiert die Artenvielfalt."

Ungewisse Zukunft

Allerdings ist die Situation nicht in allen Teilen des Amazonasbeckens gleich gut. So befinden sich etwa im zentralen sowie im östlichen Amazonien durchschnittlich lediglich zwei Prozent der Individuen der weit verbreiteten Arten in unter besonders strengem Schutz stehenden Bereichen.

Um zu verhindern, dass die gefährdeten Baumarten in Zukunft ganz von unserem Planeten verschwinden, müsse der Naturschutz konsequent verfolgt werden, so das Fazit der Wissenschaftler. Parks und Reservate könnten die vollständige Ausrottung der Arten verhindern – jedoch nur, wenn sie auch künftig Bestand hätten. Doch auch diese Gebiete seien zunehmend mit Bedrohungen durch Wildfeuer, Trockenheit oder die Klimaerwärmung konfrontiert.

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