Die Entdeckung der Nachhaltigkeit

Dem Planeten Erde würde mehr nachhaltiges Handeln gut tun. (Foto: ne2pi/iStock)
Dem Planeten Erde würde mehr nachhaltiges Handeln gut tun. (Foto: ne2pi/iStock)

In diesen Tagen beginnt in Paris die Klimakonferenz. Viele hoffen, dass dabei ein zukunftsweisendes Abkommen für ein nachhaltiges Wirtschaften zustande kommt. Mancher befürchtet allerdings, dass es bestenfalls zu den bekannten unverbindlichen Erklärungen kommt, die an der zunehmenden Erwärmung der Welt kaum etwas ändern werden. Denn meistens folgen den Worten keine Taten. Oft heißt es, dass der heute fast zu Tode gerittene Begriff der Nachhaltigkeit aus den späten 1980er-Jahren stammt - als es auf ersten UN-Konferenzen um die Gefahren einer überforderten Umwelt für künftige Generationen ging. Das Wort Nachhaltigkeit taucht in dieser Bedeutung aber schon in den 1960er-Jahren auf. Es lohnt sich, diese Zeit genauer zu betrachten.

Wer so alt ist wie ich - und rasch und unaufhaltsam auf die 70 zugeht -, wird sich noch an den Geist der 1960er-Jahre erinnern, als man sich fortschrittlich und zukunftsgläubig gab. Nicht nur die Gruppe der sogenannten 1968er glaubte, große Ideen für eine bessere Welt zu haben, sondern auch viele Sozialwissenschaftler und Intellektuelle machten sich an die Arbeit, eine neue Wissenschaft namens Futurologie auf die Beine zu stellen. Damals stellte Robert Jungk, der durch sein Werk über die Atombombe "Heller als Tausend Sonnen" berühmt wurde, in einem Vortrag an der Freien Universität Berlin sogar "Futurologie als exakte Wissenschaft" dar.  Das führte aber, wie man im Rückblick bequem sagen kann, lediglich zu vielen Peinlichkeiten. Nur als ein Beispiel sei erwähnt, dass ein zukunftsweisendes Buch der damaligen Zeit mit der Versicherung begann, dass die Zeit religiös bedingter Kriege bis zum Jahre 2000 endgültig vorbei sei.

Wenn man auf die Häme verzichtet und nachschaut, ob es neben den naiven Futurologen auch kritische Stimmen gab, wird man im angelsächsischen Raum fündig. Etwa in einem Buch aus dem Jahr 1964 mit dem Titel "Operating Manual for Spaceship Earth", das von dem Universalgenie Buckminster Fuller stammt. In Zeiten der zunehmenden Eroberung des Weltraums durch das amerikanische Apollo-Programm äußerste er als Erster das Gefühl, dass die Menschen mit dem begonnen hatten, was Fuller als "misusing, abusing and polluting" - missbrauchen, misshandeln und verschmutzen - ihres Planeten bezeichnete. Statt Erde sollte unser Planet besser "Poluto" heißen, wie er schrieb. Fuller nannte es eine Verpflichtung der Menschen, ihr Raumschiff "sustainably successful" zu machen, also nachhaltig erfolgreich mit ihm umzugehen.

Technologie und Natur in Einklang bringen

Nach dieser Vorgabe sind in den angelsächsischen Ländern eine Vielzahl von Büchern erschienen, die forderten, eine nachhaltige Zivilisation zu schaffen. Das führte unter anderem dazu, dass 1970 erstmals ein "Earth Day" gefeiert wurde. Der menschliche Einfluss auf die Erde hatte vor allem in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg immer mehr zugenommen. Ende der 1960er-Jahre bekamen einige Liebhaber und Kenner der Natur und Umwelt den Eindruck, dass die Menschen dabei sogar die Grundlagen für das eigene Leben gefährden konnten.

Diesen Naturwissenschaftlern schlossen sich bald Ökonomen an. 1966 erschien ein erstes Buch zu dem Thema "The Economics of the Coming Spaceship Earth". Darin überlegt Kenneth Boulding, dass es erstens darauf ankäme, dass Menschen ihre ästhetische Urteilskraft weiterentwickelten - und zweitens, dass die Nationen anerkennen müssen, dass sie der Biosphäre Schaden zufügen. Und drittens gelte es zu verstehen, dass dabei eine "planetary interdependence" entstanden sei, - eine Unabhängigkeit von der Erde - die eine moralische Wirklichkeit nach sich zieht und der nicht allein mit wissenschaftlichen Fakten beizukommen sei. Vielmehr seien viele soziale Neuerungen nötig. Schon 1964 hatte Kenneth Boulding versucht in "The Meaning of the Twentieth Century" darzulegen, wie die Gesellschaft eine hochstechende Technologie entwickeln könnte, die ihre Ressourcen schont und unnötige Umweltzerstörungen vermeidet, während sie sich von einer landwirtschaftlichen zu einer durch und durch industriellen Gesellschaft wandelt.

Handbuch für den Planeten Erde

Die nachhaltige Entwicklung der Erde wurde also schon damals als umfassende politische und gesellschaftliche Aufgabe formuliert. Das Treffen in Paris wird zeigen, ob der Gedanke inzwischen von den Nationen verstanden worden ist und ein gemeinsames Handeln nach sich zieht, zu dem noch immer die Bildung von Menschen gehört. 1972 ist ein Buch mit dem Titel "Only One Earth" erschienen, in denen der Mikrobiologe René Dubois und die Ökonomin Barbara Wood zu erklären versuchten, dass unterschiedliche Länder und unterschiedliche Menschen unterschiedliche Vorstellungen von dem entwickeln, was ihnen zusteht und möglich ist.

Es ist offenkundig: Ein "Operating Manual for Spaceship Earth" - ein Handbuch zur Nutzung des Raumschiffs Erde - wird benötigt. Die Erde ist den Menschen zwar geschenkt worden, aber ohne Instruktionen, wie mit ihr umzugehen ist. Vielleicht findet sie jemand in Paris, und vielleicht kann man sie so formulieren, dass alle Menschen sie verstehen und jeder Einzelne beginnt, danach zu handeln.

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