Bildstrecke Polio in Nigeria

Der lange Kampf gegen Polio

von Claudia Christine Wolf

Ein Highlight in der bdw-Ausgabe 7/2014 ist die Fotoreportage über Kinderlähmung in Nigeria. Im Printmagazin fand aber nur eine kleine Auswahl der eindrucksvollen Bilder von Zorana Musikic Platz. Es wäre schade, dachten wir uns, Ihnen die anderen faszinierenden Aufnahmen vorzuenthalten. Hier sind sie – zusammen mit einem exklusiven Interview.

 

Die Fotografin: Zorana Musikic

Zur Fotografie kam Zorana Musikic über Umwege. Sie studierte zunächst Kunst, Literaturwissenschaft und Philosophie, arbeitete als Filmemacherin und in der Werbung. Fotos dienten ihr vor allem als Vorlage für Bilder, die sie malte. Doch das Fotografieren zog sie immer mehr in seinen Bann, sodass sie ein Fotostudium aufnahm. Ihre Fotos begeisterten die Jury des deutschen preises für wissenschaftsfotografie: 2011 gewann Zorana Musikic den ersten Preis in der Kategorie Fotoreportage. Bei einem Aufenthalt in Nigeria erkannte sie, dass Kinderlähmung dort ein großes Problem ist – und begleitete ein Impfteam beim Kampf gegen Polio mit ihrer Kamera. Im Interview mit bdw-Redakeurin Claudia Christine Wolf erzählt sie von ihren Erlebnissen.

Hier geht es zur Homepage von Zorana Musikic.

"Ich hoffe, dass meine Fotos etwas verändern können"


Fotografin Zorana Musikic erzählt von ihren Eindrücken aus Nigeria.

Interview: Claudia Christine Wolf

Sie waren in Nigeria unterwegs, in einem Land, in dem die Kriminalitätsrate sehr hoch ist. Hatten Sie Angst?

Nein, aber es ist wichtig, dass man sich auf die Menschen und deren Kultur einstellt. Ich war vor allem im südlichen Lagos unterwegs, der größten Stadt Nigerias, und in Kano, einem Teil von Nordnigeria. Im Norden kann es tatsächlich gefährlich werden, dort verübt die islamistische Terrorgruppe Boko Haram immer wieder Anschläge. Vor Kurzem gerieten die Boko Haram wieder in die Schlagzeilen, wegen der Entführung von über 200 Schülerinnen. Die Terrorgruppe lehnt so ziemlich alles ab, was westlich ist – dazu zählen auch Polio-Impfungen. Die Kriminalitätsrate ist auch in Lagos sehr hoch, aber Christen und Muslime leben dort meist friedlich zusammen.

Wie konnten Sie gefahrlos durch Kano reisen?

Als es in Kano zu einem erneuten Ausbruch von Polio kam, habe ich ein Unicef-Team bei einer Impfkampagne begleitet. Unicef trifft sehr strenge Sicherheitsvorkehrungen, sodass ich dort in guten Händen war. Obwohl Kano zu den „gemäßigteren" Regionen Nordnigerias gehört, sollte man dort als weiße Frau nicht allein unterwegs sein. Das Unicef-Team ermöglichte es mir, hinter die Kulissen zu schauen. Besonders toll war, dass ich als Frau auch mit in die Häuser der muslimischen Dorfbewohner gehen durfte.

Fremde Männer dürfen die Häuser nicht betreten?

Nein. Das Leben im Haus ist ganz anders als das auf der Straße. Draußen hat man kaum eine Chance, die muslimischen Frauen kennenzulernen, da sie sehr zurückhaltend sind. In ihren Häusern sind sie nicht nur unverschleiert – sie sind oft sogar kaum bekleidet, lachen viel, machen Blödsinn und sind neugierig.

In Nordnigeria erkranken mehr Menschen an Polio als im Süden. Woran liegt das?

Die Armut der Menschen ist dort sehr groß und ihre Bildungschancen gering. Hinzu kommen religiöse Motive, die die Menschen dazu veranlassen, Impfungen abzulehnen, sowie ein Misstrauen gegenüber der westlichen Welt.

Ist das Misstrauen berechtigt?

Es hat zumindest seine Gründe. Als in Kano in den 1990er-Jahren eine Meningitis-Epidemie ausbrach, testete die Pharmafirma Pfizer unter dem Vorwand, zu impfen, ein nicht zugelassenes Medikament an Kindern. Einige starben, andere trugen schwere Nebenwirkungen davon. Sowas hinterlässt natürlich Spuren.

Wie haben Sie sich als Weiße unter einer mehrheitlich schwarzen Bevölkerung gefühlt?

Die meisten Menschen in Nigeria sind offen und zuvorkommend – aber ich bin natürlich aufgefallen. Man hat mich immer wieder angesprochen und willkommen geheißen. Wie anders muss das für Afrikaner sein, die nach Europa kommen und für die sich kein Mensch interessiert!

Wie groß ist die Kluft zwischen Arm und Reich?

Extrem groß. Die Kluft existiert nicht nur zwischen Weißen und Schwarzen, sondern auch zwischen den Nigerianern selbst. Viele gut situierte Einwohner von Lagos waren nie in den Vierteln, in denen ich unterwegs war, weil sie riesige Vorurteile und Angst haben. Doch sobald man mit den Menschen in Kontakt kommt, ist alles halb so schlimm. Im Gegenteil, ich hatte gerade in den Slums immer meine „Beschützer". Alle wollten mir beweisen, dass Lagos nicht so schlecht ist wie sein Ruf. Als Weiße wird man sofort als „reich" abgestempelt, da die meisten Weißen in Nigeria Geschäftsleute sind und in entsprechenden Kreisen verkehren. Für die normale Bevölkerung leben sie in einer ungreifbaren Parallelwelt, mit schicken Autos und eigenen Fahrern. Es war daher immer eine Attraktion, wenn ich Bus gefahren bin oder in ärmeren Gegenden fotografiert habe. Viele Nigerianer wussten nicht, dass nicht alle Weißen stinkreich sind.

Ihr einfacher Lebensstil hat es Ihnen also ermöglicht, mit der Bevölkerung in Lagos in Kontakt zu kommen?

Auf jeden Fall. Ich war aber auch mit Weißen unterwegs – mit einer eingeschworenen Clique an Expats, die in einschlägigen Bars und Restaurants verkehren und mit Nigerianern befreundet sind, die vornehmlich im Ausland studiert haben und sehr wohlhabend sind. Da fährt man dann mit dicken SUVs zu Champagner-Partys, auf denen Geld keine Rolle spielt. Die Kriminalität in Lagos kommt nicht von ungefähr. Korruption und eine extremes soziales Ungleichgewicht machen es dem Großteil der Bevölkerung unmöglich, am Reichtum des Landes teilzuhaben.

Gibt es ein Ereignis, das Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben ist?

Die Menschen haben gehofft, dass ich ihnen mit meinen Fotos helfen kann. In Kano ist die Kindersterblichkeit sehr hoch, viele Kinder sind unterernährt. Einmal habe ich in einer Krankenstation für unterernährte Kinder fotografiert. Die Frauen, die das mitbekommen haben, haben daraufhin ihre halbverhungerten Babys geholt und sie vor meine Kamera gehalten. Damit umzugehen war für mich sehr schwierig. Umso mehr hoffe ich, dass meine Fotos die Menschen zum Nachdenken bringen, und dass sie etwas bewegen und verändern können.

© wissenschaft.de – Claudia Christine Wolf

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