Leichter Lebensretter

Illustration: Hubert Warter
Illustration: Hubert Warter

Das Unternehmen wünschte sich eine sehr feste und hitzeresistente Faser mit geringem Gewicht von der Chemi­kerin. Sie machte sich mit Verve an die Arbeit und synthetisierte im Labor bald ein vielversprechendes Produkt. Nur ließ es sich leider nicht schmel­zen. Es muss­te aber irgendwie in flüssige Form ge­bracht werden, damit man verspinnbare Fasern daraus ge­winnen konnte. Die Chemikerin gab ein Lösungsmittel zu dem neuen Poly­mer­. Doch die resultierende Lö­sung sah komisch aus: nicht dickflüssig und durchsichtig-klar, wie das bei ande­ren gelösten Polymeren der Fall ist, sondern wolkig-trüb und dünn­flüssig - wie stark verwässerte Buttermilch.

Als sie mit dieser seltsamen Suppe in der Versuchsspinnerei aufkreuzte, holte sie sich eine Abfuhr. "Nicht in meiner Spinnmaschine!", wehrte sich der Kol­le­ge. Es sei doch klar, dass die Trübung von irgendwelchen Feststoffpartikeln kom­­­me. Diese Verunreinigung würde tod­sicher die nur wenige hundertstel Milli­meter mes­senden Spinndüsen verstop­fen. Auf keinen Fall!

Robuste Faser

Die Chemikerin versuchte die undurch­sichtige Lösung zu filtern - aber die enthielt keinerlei Feststoffteilchen. Die Trübung kam ausschließlich von dem gelösten Polymer selbst, offenbar etwas völlig Neuartiges. Wieder und wieder trat sie den Weg in die hauseigene Spinnerei an, und irgend­wann hatte sie den Verant­wortlichen überredet. Die Flüssigkeit durfte in die Maschine. Anstandslos spieen die Düsen eine Faser aus.

Sie war etwas Besonderes: Trotz des geringen Gewichts fünf Mal zugfester als Stahl, enorm beständig gegen Hitze und Chemikalien, flammfest und form­stabil. Die Anwen­dungen ließen freilich noch Jahre auf sich warten, die Massen­herstellung solcher Fasern war Neuland. Das mit Abstand bekannteste Erzeugnis - eine Art Kleidungsstück - hat schon viele Leben gerettet. Die Entdeckerin ist übrigens 2014 verstorben.

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