bild der wissenschaft plus 11/2016

KLAUS TSCHIRA PREIS für verständliche Wissenschaft
Die Preisträger 2016

Keine Angst vor den ganz großen Fragen

Die Doktorarbeit ist das Gesellenstück der Wissenschaft: Mit ihr beweisen die Kandidaten, dass sie auch ohne Anleitung forschen können. Aber im Unterschied zum Handwerk genügt es in der Wissenschaft nicht, fleißig und sauber zu arbeiten. Wer "nur" die Fachliteratur kennt und alle nötigen Experimente korrekt auswertet, hinterlässt bei seinen Gutachtern und Kollegen noch keinen bleibenden Eindruck. Man braucht schon eine pfiffige Idee und ein aufsehenerregendes Ergebnis für die Karriere. Unter diesem Druck standen die sechs Forscherinnen und Forscher, die sich Ihnen auf den folgenden Seiten vorstellen, und sie haben die Prüfung mit Bravour gemeistert.

Davon können Sie, liebe Leserinnen und Leser, sich selbst ein Bild machen. Denn auch das unterscheidet die sechs Doktoranden von anderen: Sie haben Ideen, um ihre Ergebnisse verständlich und unterhaltsam zu erklären. So lernen Sie die Mathematikerin Ágnes Cseh kennen, die nach dem besten Weg fahndet, den Heiratsmarkt zu organisieren. Das Heiraten dient ihr dabei nur als Metapher. Tatsächlich geht es darum, Bewerber und Studienplätze optimal zu verkuppeln – oder Kunden und Händler. Die Informatikerin Jiehua Chen fragt wiederum, ob die Wahl von Berlin als Hauptstadt auch anders hätte ausgehen können, wenn der Bundestag vor 25 Jahren in einer anderen Reihenfolge über die Anträge abgestimmt hätte. Auch Chen hat größere Anwendungen im Blick: etwa die Rankings bei Online-Empfehlungsdiensten, wenn die Bewertungen vieler Nutzer einfließen.

Falls Sie denken, dass Doktoranden bloß Detailprobleme bearbeiten, dann werden Sie sich wundern, wenn Sie die Artikel in diesem bdw plus-Heft lesen. Die Gewinner des diesjährigen Klaus Tschira Preises für verständliche Wissenschaft machen deutlich, dass ihre Arbeit der Allgemeinheit nützt. Der Neurowissenschaftler Benjamin Gaub hat zum Beispiel die lichtempfindlichen Zellen der Netzhaut untersucht, um eine Therapie für Blinde zu entwickeln, und dann auch noch ein Gerät gebaut, das es Blinden erlaubt, sich mit Ultraschall zu orientieren. Und der Chemiker Martin Brüggemann hat eine Methode entwickelt, mit der man besonders feinen Feinstaub nicht nur registrieren, sondern auch chemisch analysieren kann. Das wird die Forschung voranbringen, denn bisher ist es sehr schwierig, die Wirkungen der verschiedenen Partikel zu ermitteln.

Auch vor den ganz großen Fragen machen die Preisträger nicht halt. So fragt der Physiker Martin Pitzer, warum in der Natur nur Biomoleküle einer bestimmten Form vorkommen und nicht auch ihre spiegelbildlich aufgebauten Varianten. Und die Neurowissenschaftlerin Lena Veit untersucht die Gehirne intelligenter Rabenvögel nicht zuletzt, um herauszufinden, was den menschlichen Geist heraushebt.

Die Promotion macht den jungen Wissenschaftler noch nicht zum Meister; bis zur unbefristeten Stelle ist es ein langer Weg. Das hat sich in den 100 Jahren seit Max Webers Rede zur "Wissenschaft als Beruf" nicht verändert. Weber warnte die Studenten seiner Zeit, dass die wissenschaftliche Karriere "ein wildes Hasard" sei, das man nicht leichtfertig eingehen solle. Und es freut mich daher besonders, dass alle Preisträger nach ihrer Promotion gute Stellen als Postdocs gefunden haben. Ich wünsche ihnen alles Gute und Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, eine anregende Lektüre!

Dr. Alexander Mäder
Chefredakteur

 

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