Börsen-Algorithmen jagen im Rudel

Die Börse - mittlerweile fest in der Hand der Computer (thinkstock)

Wer Schwankungen in Aktienkursen am schnellsten ausnutzt, kann daraus ordentlich Kapital schlagen. Früher versuchten sich schwitzende und schreiende Händler darin gegenseitig zu übertrumpfen. Heute regieren Rechner und Algorithmen, die innerhalb von Millisekunden reagieren können. Dieses technische Aufrüsten führt allerdings dazu, dass die Kurse immer mehr extreme Schwankungen aufweisen, die meist für weniger als eine Sekunde Bestand haben. Verursacht werden sie von aggressiven Computermobs, die plötzlich wie gleichgeschaltet handeln, wie US-Forscher jetzt herausfanden.

 Wer an der Börse Erfolg haben will, der braucht zwei Dinge: Gute Programmierer und gute Hardware. Denn inzwischen läuft ein großer Teil des Handels in Hochgeschwindigkeit ab. Es gilt, winzige Kursschwankungen oder Preisunterschiede an verschiedenen Börsen als erster zu erspähen und auszunutzen – ein Job, den Computer erledigen. Das technische Wettrüsten der großen Firmen nimmt bisweilen bizarre Züge an: Die Rechenzentren werden so dicht wie möglich an der Börse errichtet, um bloß keine Zeit zu verlieren. Derzeit ist ein neues Transatlantikkabel im Bau, dessen einziger Zweck es ist, die Kommunikation zwischen amerikanischen und britischen Händlern um fünf Millisekunden zu beschleunigen. Eine niederländische Firma hat gar den Richtfunk wiederbelebt: Über ihn lassen sich Börsendaten und Orders um ein Drittel schneller transportieren als mit einem Glasfaserkabel.

Bei diesen Geschwindigkeiten ist es kein Wunder, dass das System immer fragiler und die Möglichkeiten des menschlichen Eingreifens immer begrenzter werden. Berüchtigt sind sogenannte Flash Freezes, bei denen Computerfehler den Handel an einer Börse vollständig zum Erliegen bringt. Die Handelsfirma Knight Capital verlor im August letzten Jahres in 45 Minuten 440 Millionen Dollar, weil ihre Algorithmen Amok liefen. Doch der Hochfrequenzhandel hat auch auf kleinerer Ebene profunde Auswirkungen. Neil Johnson von der University of Miami und sein Team beschreiben im Fachmagazin "Scientific Reports" Kursextreme, die für weniger als 1,5 Sekunden andauern und von Computeralgorithmen verursacht werden, die plötzliche alle die gleichen Anweisungen geben. Sie handeln so schnell, dass Menschen keine Zeit zum Eingreifen bleibt. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass das Verhalten des Marktes in dieser Welt der ultraschnellen Roboteralgorithmen einen fundamentalen und abrupten Übergang in einen Zustand durchläuft, in dem konventionelle Markttheorien nicht mehr greifen", sagt Johnson.

Der Jäger handelt, bevor die Beute ihn wahrnimmt

Die Forscher analysierten für ihre Studie die Daten zur Kursentwicklung verschiedener Börsen und Aktien. Zwischen Januar 2006 und Februar 2009 entdeckten sie 18520 extreme Kursausschläge nach oben und unten, die jeweils weniger als anderthalb Sekunden dauerten. Die Häufigkeit extremer Ausreißer, so stellten sie fest, war deutlich höher, wenn ihre Dauer unterhalb der menschlichen Reaktionszeit lang. Wir brauchen in der Regel mindestens eine Sekunde, um neue Informationen zu verarbeiten und darauf zu reagieren. Außerdem traten die ultraschnellen Ausschläge immer häufiger auf, je näher die Finanzkrise rückte – und waren besonders oft bei den Aktienkursen großer Banken zu beobachten. Das kann zum einen daran liegen, dass der Hochfrequenzhandel zwischen 2006 und 2008 immer bedeutender wurde. Es sei jedoch auch möglich, schreiben die Forscher, dass es einen gewissen Zusammenhang gebe zwischen immer schneller aufeinanderfolgenden, extrem kurzlebigen Ausschlägen und globaler Instabilität, „ungeachtet der Tatsache, wie stark sich die jeweiligen zeitlichen Maßstäbe unterscheiden."

Was aber führt zum hecktischen Gezappel des Kurses? Eine Ursache des Problems ist, dass die Handlungsmöglichkeiten der Algorithmen weniger vielfältig sind als die des Menschen. Um schnell reagieren zu können, sind sie vergleichsweise simpel gestrickt. Außerdem können sie in einem Zeitraum von Millisekunden nur mit sehr wenigen Informationen versorgt werden. Das führt dazu, dass plötzlich viele Computer zur gleichen Zeit den gleichen Befehl geben. „So bildet sich ein Cybermob, der einen bestimmten Teil des Marktes attackiert", erklärt Johnson. Die Veröffentlichung seines Teams stellt ein mathematisches Modell vor, das das kollektive Verhalten der Algorithmen in Grundzügen erklärt.

Johnson scheint das Rudelverhalten der superschnellen Handelsroboter dabei nicht geheuer zu sein. Er vergleicht sie mit Raubtieren, die das ganze System aus dem Gleichgewicht bringen, weil die Beute ihnen nichts entgegenzusetzen hat: „Der Räuber handelt, bevor die Beute überhaupt weiß, dass er da ist."

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