Energiewende im Kleinen

Fünf Meter ragt das Wasserrad am Krummbach in die Höhe. (Foto: Xenia El Mourabit)

Aus Ideen und Engagement entstanden Visionen und Modelle. Ein großes Preisgeld ermöglichte Ende September 2016 den ersten Spatenstich. Jetzt dreht es sich – das Wasserrad in Ochsenhausen. Das fünf Meter große Rad ist ein Projekt des Schülerforschungszentrums Südwürttemberg und Teil des standortübergreifenden Themas "Erneuerbare Energien".

"3 – 2 – 1", zählen Tobias Beck, Geschäftsführer des Schülerforschungszentrums (sfz) Südwürttemberg und vier der am Wasserrad-Projekt beteiligten Ochsenhausener Schüler Alexander Graf, Lucas Scherer, Benno Hölz und Niklas Remiger herunter. Erst geschieht nichts, weil das Wasser im Staurohr steigen muss – über das fünf Meter hohe Wasserrad hinaus. Doch dann füllen sich von oben die ersten der 48 Schaufeln mit Wasser, und nach einigen Sekunden des Zitterns beginnt sich das Rad zu drehen – alles hat geklappt. Bald wird das Wasserrad Strom produzieren. 17.000 Kilowattstunden soll es im Jahr zur Stromversorgung beitragen. Geplant und zu großen Teilen auch gebaut haben das Wasserrad die Schüler selbst.

Sie sind Exoten. Das legt zumindest die aktuelle PISA-Studie nahe. Nur wenige Schüler – und vor allem Schülerinnen – können sich vorstellen, einen naturwissenschaftlichen Beruf zu ergreifen. Diesem recht dürftigen Interesse setzt das im Jahr 2000 gegründete Schülerforschungszentrum Südwürttemberg eine Struktur entgegen, die, ähnlich wie eine Musikschule oder ein Sportverein, Interesse an Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik wecken und junge Talente fördern soll. Über 100 betreuende Lehrer, Studenten und Ehrenamtliche unterstützen Schüler beim Tüfteln, Erfinden, Programmieren, Experimentieren, Messen und Beobachten. Das Schülerforschungszentrum Südwürttemberg war Vorbild für viele Projekte dieser Art in ganz Deutschland. Weitere Schülerforschungszentren gründeten sich zum Beispiel in Thüringen, Nordhessen und dem Saarland.

Das Wasserrad ist Teil eines standortübergreifenden Projekts, bei dem die Energiewende im Kleinen gelebt wird. Auch ein Windrad in Bad Saulgau ist Teil des Projekts. Schüler aus Überlingen haben einen Energiespeicher entwickelt, der CO2 in Methan umwandelt – den Hauptbestandteil von Erdgas. Eine Datenbank in Ulm führt die Messdaten der verschiedenen Bereiche zusammen, die schließlich per App als Landkarte visualisiert werden. Auch das haben Schüler in ihrer Freizeit geschaffen. Ermöglicht hat die Umsetzung all dieser Ideen, neben den Spenden zahlreicher Firmen, Kommunen, Verbände und Privatpersonen, das Preisgeld des mit 100.000 US-Dollar dotierten Zayed Future Energy Prize. Dieser wird seit 2008 jährlich von den Vereinigten Arabischen Emiraten vergeben, um Projekte im Bereich von Klimawandel, Energiesicherung und Umweltschutz voranzutreiben.

"Energiewende 2030 – wer treibt sie voran?"

Die einzelnen Projekte, Konzepte und Modelle aus acht Standorten in Südwürttemberg sind zu einem Netzwerk geworden, das nun selbst  ein Modell sein könnte – für eine Energiewende im Großen. Wer aber wird sie künftig vorantreiben, die Energiewende 2030? Dieser Frage widmete sich eine von bild der wissenschaft-Chefredakteur Alexander Mäder moderierte Podiumsdiskussion, die sich der Einweihung des Wasserrads anschloss. Eigentlich eine rhetorische Frage, wie Petra Evanschitzky, Sozialpädagogin und Lern-Konzeptentwicklerin für die Wissensfabrik, meinte. Dass die Energiewende in den Händen der heutigen Studenten und Schüler liegt, ist für sie klar.

Doch wer treibt die Kinder an, wer weckt die Neugierde an technischen Themen? Eigentlich kommt diese Neugierde von innen heraus, erzählte Jakob Dichgans. Der Student hat sich als Schüler beim sfz engagiert und schon früh angefangen, sein Wissen zu erweitern und eigene Ideen umzusetzen. Zum Beispiel den Methan-Energiespeicher, der Teil des großen Energieprojekts ist. An der Uni kann er sich immer wieder zurücklehnen, während seine Kommilitonen pauken müssen – denn viel von dem nötigen Wissen für sein 2015 begonnenes Ingenieurstudium hat er sich bereits am sfz erarbeitet. Man müsse Forschergeist bei Kindern nicht erst wecken, meint auch Petra Evanschitzky – sondern man müsse erkennen, dass Kinder einen natürlichen Forscher- und Entdeckergeist besitzen. Doch der brauche Raum, um sich entfalten zu können. So wie am sfz und etlichen anderen Schülerforschungszentren, die es in Deutschland gibt.

 

Wo können Schüler forschen?

Das erfolgreiche Schülerforschungszentrum Südwürttemberg war Vorbild für viele weitere Projekte dieser Art. Eine gute Übersicht bietet der Schülerlabor-Atlas von Lernort Labor. Dort sind viele Institutionen verzeichnet, die Wissenschaftsinteresse und -verständnis im MINT-Bereich fördern. Schülerforschungszentren, die ein langfristiges freies Forschen ermöglichen, sind mit "F" kategorisiert.

 

  
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