Fracking: Gute Theorie, schlechte Praxis

Fracking - besser in den Sand setzen? (Foto: cta88/Thinkstock)
Fracking - besser in den Sand setzen? (Foto: cta88/Thinkstock)

Nun hat sich auch die Deutsche Akademie für Technikwissenschaften acatech gegen ein generelles Fracking-Verbot ausgesprochen. Gleichzeitig fordert sie hohe Sicherheitsstandards und einen offenen Dialog über die Risiken. Dass viele Menschen der Industrie genau in diesen Punkten nicht trauen, hat durchaus rationale Gründe - Gründe, die es der acatech-Position schwer machen, sich durchzusetzen.

Die acatech vertritt die deutschen Technikwissenschaften im In- und Ausland in - so die Selbstauskunft - "selbstbestimmter, unabhängiger und gemeinwohlorientierter Weise". Das erklärte Ziel ihrer aktuellen Stellungnahme ist es, die Diskussion um das Fracking mit einer wissenschafts- und technikbasierten Abwägung zu unterstützen - angesichts verhärteter Fronten zwischen Befürwortern und Gegnern. Das Ergebnis: Insgesamt, so acatech Präsident Reinhard F. Hüttl, "lassen sich Beeinträchtigungen des Trinkwassers, Austritte von Methan-Gas und induzierte Mikro-Erdbebentätigkeit bei einem verantwortungsvollen, sachgemäßen Einsatz der Technologie so weitgehend ausschließen, dass ein generelles Verbot wissenschaftlich nicht zu begründen ist." Dieser Standpunkt liegt auf einer Linie mit den geologischen und technologischen Fachgesellschaften weltweit. Insofern ist er auch wenig überraschend.

Das Problem verbirgt sich in dem Wort "verantwortungsvoll" von Hüttls Aussage. Zwei Beispiele mögen das illustrieren. Erstes Beispiel: Wissenschaftlich und technisch gibt es keinen Grund, warum eine Raffinerie nicht sicher zu betreiben wäre, in der Erdöl zu Diesel, Benzin und chemischen Rohstoffen umgewandelt wird. Doch wer wie ich in der Nähe der größten deutschen Raffinerie lebt, der Rheinland-Raffinerie von Shell südlich von Köln, kennt noch eine andere Realität: Vor einem Monat stand nach einem Brand eines Ofens der Olefin-Anlage stundenlang eine kilometerhohe schwarze Rauchsäule am Himmel. 2014 trat giftiger und stinkender Schwefelwasserstoff aus, außerdem explodierte ein Tank mit der giftigen Chemikalie Toluol. 2012 sickerte mindestens eine Million Tonnen Kerosin ins Erdreich - Ursache hier: veraltete Rohrleitungen.

Lecks bei der Förderung

Zweites Beispiel: Ein Team der Universität Innsbruck hat 2014 an Luftmessungen über einem Fracking-Gebiet im US-Bundesstaat Colorado teilgenommen. "Wir finden krebserregendes Benzol, giftigen und übelriechenden Schwefelwasserstoff und eine Vielzahl von Vorläufersubstanzen für gesundheitsschädliches Ozon in ländlichen Gegenden, wo man eigentlich saubere Luft erwarten würde", resümierte daraufhin Teamleiter Armin Wisthaler. "Unsere Messungen bestätigen die Befunde amerikanischer Kollegen aus anderen Gegenden, in denen Fracking intensiv betrieben wird." Verantwortlich für die Befunde sind wahrscheinlich Lecks bei der Förderung, Aufbereitung und Verteilung des gewonnenen Erdgases.

Das ist die Praxis: Wartung und die Einhaltung hoher Sicherheitsstandards verringern den Profit. Bislang sind die Erdöl- und Erdgaskonzerne dieser Welt nicht dadurch aufgefallen, dass sie besonders verantwortungsvoll mit unserer Umwelt umgehen. Insofern ist es verständlich, dass ihnen viele Bürger misstrauen. Und nun werden viele von ihnen zweifeln, dass die acatech-Forderungen nach strengen Sicherheitsstandards, rechtlich klaren Regelungen und umfassender Überwachung tatsächlich fruchten.

Keine Veränderungen in Sicht

Dass die Stellungnahme der acatech die verhärteten Fronten zwischen Befürwortern und Gegnern also tatsächlich aufweichen kann, ist daher unwahrscheinlich. Schade - es verringert die Aussichten, dass die Wissenschaft die Chancen und Risiken des Frackings ausloten kann. Denn die Technologie könnte tatsächlich helfen, die Energiewende besser hinzubekommen. Sie würde die Abhängigkeit von ausländischen Erdgaslieferungen verringern, auf die man trotz des weiteren Ausbaus der erneuerbaren Energien noch Jahrzehnte angewiesen sein wird. Heimisches Erdgas muss nicht energieaufwendig über Tausende von Kilometern transportiert werden. Zudem ist sein Verbrauch mit deutlich geringem CO2-Ausstoß verknüpft als der Verbrauch von Kohle oder Öl.

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