Doppelter Tunnel: Bahngleise und Sickerwasser-Entzug untereinander

Weltweit einmalig nennt der Umweltdezernent des Landkreises Neuwied, Ulrich Kleemann (Grüne), das Konzept: Bei Fernthal im rheinland-pfälzischen Westerwald verlaufen nahe der Grenze zu Nordrhein-Westfalen übereinander zwei neue Tunnel unter einer stillgelegten Mülldeponie. Der obere nimmt die Gleise der ICE- Neubaustrecke Köln-Rhein/Mainz auf. Mit dem vier Meter tiefer liegenden unteren Tunnel werden Schadstoffe aus dem Grundwasser geholt, die aus der Deponie stammen. "Damit spülen wir das Gebirge", erklärt Kleemann.
2002 soll die 177 Kilometer lange ICE-Neubaustrecke in Betrieb genommen werden. Bei ihrer Streckengestaltung liebt die Bahn keine Umwege: Gleich ein Fünftel der Gleise soll deshalb durch Tunnel verlaufen. Deshalb zögerte die Bahn auch nicht, bei Fernthal erstmals eine stillgelegte Müllhalde zu unterqueren.

Eine alte Basaltgrube hoch oben am Berg war bis 1995 als Mülldeponie genutzt worden. In großen Teilen davon gab es keine Abdichtung am Boden. Noch nie sei verunreinigtes Grundwasser einer solchen Mülldeponie von einem darunter liegenden Tunnel aus abgepumpt worden, so Kleemann. Das Konzept zeigt Erfolge: "Schon jetzt ist das im Drainage-Stollen gefasste Wasser kaum noch belastet. Wahrscheinlich werden wir bereits im Sommer den Tunnel wieder verfüllen können, weil nur noch sauberes Wasser im Berg ist", erläutert der Umweltdezernent. Ursprünglich war damit gerechnet worden, dass der im Oktober 1999 fertig gestellte Drainagestollen mehrere Jahre in Betrieb sein müsste.

Inzwischen ist die Oberfläche der Deponie mit Kunststoff, Ton und Erde abgedichtet, so dass kein neues Regenwasser mehr eindringen und sich mit Schadstoffen anreichern kann. Junge Eiben und andere Bäume wachsen bereits auf der ehemaligen Kreisabfalldeponie. In der rund 400 Meter langen begehbaren Drainageröhre unter dem ICE-Tunnel dringen alle 5 bis 15 Meter insgesamt 88 so genannte Filterleitungen, die jeweils zehn Meter schräg nach oben reichen, in das Gestein ein. "Ihre Richtungen sind den Schichten des Felsens angepasst", erklärt der Geologe Rainer Hart, Chef eines Sachverständigenbüros in Melsbach (Kreis Neuwied). Damit kann das Grundwasser unter das Niveau des Bahn-Tunnels gesenkt werden.

Eigentlich wollte die Bahn in einem extrem aufwendigen Verfahren zunächst Zement in die Felsen um den entstehenden ICE-Tunnel herum pressen und damit das Gestein hundertprozentig wasserdicht machen. Zuvor hatte der Kreis Neuwied aus Angst vor einem Rechtsstreit darauf gedrungen, dass keinesfalls verunreinigtes Sickerwasser beim Bau in den knapp 1,5 Kilometer langen Bahntunnel eindringen dürfe. "Wir hätten bis zur letzten Instanz geklagt", sagt Landrat Rainer Kaul (SPD). Es gab jahrelange Verhandlungen zwischen Kreis und Bahn.

Als der Tunnelvortrieb schon 160 Meter an die Mülldeponie herangekommen war, kam Hart mit der Idee des Drainagestollens ins Spiel. Damit entfiel das Einpressen von Zement, und die Bahn sparte etwa 20 Millionen Mark ein. Mit Hilfe der 88 Filterleitungen wurde der Grundwasserspiegel unter das Niveau des entstehenden ICE-Tunnels gesenkt, so dass ihn die Bahn bequem im trockenen Gestein wasserdicht bauen konnte. Harts Geistesblitz lohnte sich auch für den Kreis Neuwied. Denn die Kosten von grob geschätzt 60 Millionen Mark für den Bau des Drainagetunnels, das Abpumpen des verunreinigten Sickerwassers und die Abdichtung der ehemaligen Müllhalde übernahm die Bahn.

Auch die Bahn ist zufrieden mit dem Doppeltunnel: "Dieses Konzept ist voll aufgegangen", sagt der Sprecher der Deutschen Bahn Projekt GmbH, Hans-Georg Zimmermann, in Frankfurt. Hart kann sich gut vorstellen, dass dieses Prinzip der doppelten Röhre auch für andere Tunnelbauten unter älteren Mülldeponien, deren Boden nicht abgedichtet ist, ein Modell werden könnte.

dpa


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