Radler unter Strom

Zur sicheren Radbeherrschung gehört, auch höhere Bordsteinkanten abfahren zu können. (Foto: www.pd-f.de/Kay Tkatzik)
Zur sicheren Radbeherrschung gehört, auch höhere Bordsteinkanten abfahren zu können. (Foto: www.pd-f.de/Kay Tkatzik)

Elektroräder sind sehr beliebt, aber auch die ­Ursache für schwere Unfälle.

von Eva Tenzer

Leseprobe aus bild der wissenschaft 9/2016

Der Radweg an der Ostseeküste zieht sich kilometerweit durch blühende Rapsfelder, steigt immer wieder leicht an, um dann ausgedehnte Senken zu durchqueren. Trotz Gegenwind muss ich nur leicht in die Pedale treten, um das flotte Tempo zu halten. Denn unter mir tut ein kleiner Elektromotor seinen Dienst. Er sorgt für ein fast berauschendes Fahrgefühl – kein Vergleich zu den Mühen des alten Hollandrads zu Hause im Stadtverkehr. Es ist meine erste Fahrt auf einem Pedelec – im Rahmen eines Forschungsprojekts der Hochschule Wismar. Die Forscher wollen wissen, wie E-Räder Busse und Bahnen ergänzen können, von denen immer weniger in ländlichen Regionen verkehren. Als Teilnehmer des Projekts darf ich im Urlaub das E-Rad einen Tag lang nutzen und muss im Gegenzug einen Fragebogen zu meinen Eindrücken ausfüllen.

Nachhaltig in Erinnerung geblieben ist mir das Hochgefühl, mühelos eine große Geschwindigkeit zu erreichen. Genau das schätzen immer mehr Radfahrer. Die Verkaufszahlen vor allem der sogenannten Pedelecs steigen seit Jahren kontinuierlich. Pedelecs (abgekürzt für Pedal Elec­tric Cycle) sind Elektroräder, bei denen der Antriebsmotor nur läuft, wenn der Fahrer in die Pedale tritt. Anders bei ­einem E-Bike: Läuft der Motor, rollt das Rad auch ohne Tretunterstützung. Zwar beschleunigen Elektroräder nur auf maximal 25 Kilometer pro Stunde, aber im Stadtverkehr ist das schon ziemlich flott.

Rund 95 Prozent der verkauften Elektroräder hierzulande sind Pedelecs. Wie Statistiken des Zweirad-Industrie-Verbands belegen, stieg der Absatz stark an: von 480.000 Elektro­rädern im Jahr 2014 auf 535.000 Stück im vergangenen Jahr. Damit haben Pedelecs einen Marktanteil von 12,5 Prozent am gesamten Fahrradmarkt. Der Verband schätzt, dass rund 2,5 Millionen E-Bikes und Pedelecs auf deutschen ­Straßen rollen. Und eine Änderung des Trends ist nicht in Sicht, denn hauptsächlich ältere Menschen kaufen Pedelecs, und der Anteil der Senioren an der Bevölkerung nimmt weiter zu.

Elektroräder könnten den Stadtverkehr entlasten, wenn es gelingt, mehr ­Autofahrer aufs Zweirad zu locken, und sie könnten die Menschen in ländlichen Gegenden mobiler machen. Doch so umweltfreundlich diese Art der Fortbewegung ist, so besorgniserregend sind die Unfallstatistiken. Das unterstreicht Max Hermanutz, Psychologe an der Hochschule für Polizei Baden-Württemberg. Gemeinsam mit einem Team aus Polizisten, Verkehrsforschern und Psychologen hat er Unfallstatistiken ausgewertet und das Fahrverhalten von Pedelec-Radlern untersucht.

Mehr ältere Schwerverletzte

Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass Pedelecs 2014 bundesweit in rund 3700 Unfälle mit 59 Toten und 1178 Schwerverletzten verwickelt waren. 2015 stieg die Gesamtzahl der verunglückten Pedelec-Fahrer um etwa ein Drittel auf 2942. Diese Zunahme entspricht etwa dem Zuwachs bei verkauften E-Rädern – je mehr Räder auf den Straßen, umso mehr Unfälle.

Die Zahlen liegen über mehrere Jahre hinweg für einzelne Bundesländer vor. So wuchs in Nordrhein-Westfalen die Zahl der E-Rad-Unfälle von 322 in 2012 auf 714 in 2014. In Baden-Württemberg verhält es sich ganz ähnlich: Verglichen mit 2013 kam es 2014 fast zu 50 Prozent mehr Unfällen. Die meisten Schwerverletzten waren über 45 Jahre alt. In Bremen etwa waren von sechs Schwerverletzten fünf älter als 65 Jahre.

Die Zahlen aus Baden-Württemberg zeigen zwar, dass dort E-Radler nicht häufiger in Unfälle verwickelt sind als Fahrer von normalen Rädern. Doch bei ihnen gab es deutlich mehr Getötete und Schwerverletzte: 2014 starben bei Unfällen mit Elektrorädern 20 von 1000 Unfallopfern, bei normalen Rädern 5 von 1000. Schwer verletzt überlebten 20 Prozent der Radfahrer und 29 Prozent der Pedelec-Fahrer den Zusammenstoß mit einem Auto oder Lkw. Mehr als 70 Prozent der Unfallopfer mit Pedelecs waren über 61 Jahre alt. Diese Altersgruppe radelt offenbar mit dem erhöhten Risiko, von einem Auto erfasst zu werden.

Dazu kommt: Ältere Menschen erholen sich sehr viel langsamer und schlechter von Verletzungen. Stephanie Krone, Sprecherin des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC): "Pedelecs werden schwerpunktmäßig von der Senioren-Generation genutzt – und ältere Menschen sind verletzlicher als jüngere. Derselbe Sturz vom Rad führt bei der Generation 65plus in der Regel zu erheblich schwe­reren Verletzungen als bei jüngeren ­Fahrern."

Unterschätztes Tempo

Das ist schon bei Radfahrern generell ein Problem, wie Wolfgang Fastenmeier von der Psychologischen Hochschule Berlin und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Verkehrspsychologie weiß: "Insgesamt sind deutlich mehr ältere Radfahrer in Unfälle verwickelt. Für ältere Menschen ist das Radfahren die unsicherste Form der Verkehrsteil­nahme."

Eine Untersuchung zeigte zwar, dass für E-Radler der Straßenverkehr nicht so stressig ist wie für normale Radfahrer, weil sie weniger Muskelkraft brauchen und sich deshalb besser auf den Verkehr konzentrieren können. Doch als großes Problem sehen Psychologen wie Hermanutz: "Das Tempo wird oft sowohl von den Radfahrern selbst als auch von den Autofahrern oft unterschätzt." Zudem erwarten die Autofahrer meist nicht, dass Radfahrer so schnell unterwegs sind – erst recht nicht die Älteren unter ihnen.

Das ergab auch eine Untersuchung von Arbeitspsychologen um Josef Krems an der TU Chemnitz. Sie prüften in einer Versuchsreihe, wie Auto­fahrer die Geschwindigkeit von ­Pedelec-Fahrern und normalen Radfahrern einschätzen. Dazu postierten sie ihre Probanden an einer Linksabbiegung und ließen Rad- und Pedelec-Fahrer entgegenkommen. Die Versuchsteilnehmer hinterm Steuer sollten den Moment abpassen, bis zu dem die ­Lücke zum Radler noch ausreichend groß wäre, um abzubiegen. Weitere Reaktionstests führten Krems und seine Kollegen mithilfe von Videoclips durch. Das Ergebnis: Die ­Probanden gingen durchweg davon aus, dass die normalen Radfahrer schneller unterwegs seien als die Pedelec-Treter, obwohl es sich in Wahrheit genau umgekehrt verhielt.

Zu dem Missverständnis kommt es, weil die E-Räder äußerlich von einem normalen Fahrrad kaum zu unterscheiden sind und vor allem weil die E-Radler sehr viel weniger in die Pedale treten. Das Bild eines mühelos ­tretenden Radlers ­vermittelt den Eindruck, dass er langsam fährt. Krems fordert deshalb, "dem ­Elektrorad ein typisches Erscheinungsbild zu geben, sei es über das Design des Fahrrads oder über das Beleuchtungsmuster".

Veränderte Aufmerksamkeit

Ein weiteres Unfallrisiko bergen psychische Veränderungsprozesse im Alter, wie Entwicklungspsychologen beobachtet haben. Zwischen 25 und 81 nehmen die verkehrsrelevanten ­kognitiven und motorischen Fähigkeiten allmählich ab, und um die 60 und 74 machen sich deutliche Einschnitte bemerkbar, das hat etwa die Seattle Longitudinal Study der University of Washington gezeigt. Das betrifft die räumliche Orientierung, das ­logische Denken und die Wahrnehmungsgeschwindigkeit.

"Bei aller individuellen Variabilität entwickeln sich mit dem Alter stets bestimmte psychophysische Merkmale ungünstig, die für die Verkehrsteilnahme wichtig sind: Das Blickfeld verengt sich, die Dämmerungssehschärfe nimmt ab, die Blendempfindlichkeit erhöht sich und das ­Hörvermögen lässt nach", erklärt Verkehrspsychologe Fastenmeier. "Dazu kommen eine verlangsamte Informationsverarbeitung und eine verlangsamte motorische Koordination, eine Verschlechterung von Distanz- und Geschwindigkeitseinschätzung sowie eine höhere Anfälligkeit für Ablenkung. Zudem lassen Beweglichkeit, Feinmotorik und Kraft nach."

Das Forscherteam um Hermanutz empfiehlt eine Reihe präventiver Maßnahmen, um die Unfallzahlen einzudämmen – in erster Linie ein verpflichtendes Fahrsicherheitstraining für Pedelecs. Ältere Radler sollten vor allem ihr Brems­verhalten schulen und auch ihre Fähigkeit, das Tempo realistisch einzuschätzen. Der ADFC empfiehlt, sich zunächst bei einer Probefahrt mit Bremsen und ­Antrieb vertraut zu machen sowie auf einem verkehrsarmen Gelände Übungsrunden zu drehen. Auch eine bessere Ausrüstung helfe – eine laute Klingel, auffällige Kleidung und ein Helm.

"Oft kommen Pedelec-Fahrer durch Hindernisse auf dem Radweg zu Fall, ­etwa durch Poller, Schlaglöcher oder Werbeschilder. Es ist wichtig, aufmerksam zu fahren und die Geschwindigkeit immer gut zu dosieren, vor allem langsam an Kreuzungen und Einmündungen heranzufahren sowie den Blickkontakt zu den Autofahrern zu suchen", rät Krone.

Was ein Training bewirkt

Kognitive Übungen können zusätzlich unterstützen. Die Alternsforschung zeigt, dass Senioren schon von kurzfristigen Trainingsprogrammen profitieren, in denen sie speziell Fahrfertigkeiten üben. Dabei werden zunächst Beweglichkeit und Koordination geschult, ferner die Muskelkraft aufgebaut, aber auch Faustregeln zum richtigen ­Verkehrsverhalten einstudiert. Die Motorik lässt sich bis ins hohe Alter trainieren, ist Fastenmeier überzeugt: "Dehnungsübungen und moderate Ausdauerübungen verbessern Kraft, Balance, Koordination und Beweglichkeit. Zudem zeigen Studien, dass eine Verbesserung der Motorik nicht zuletzt den geistigen Fähigkeiten zugute kommt."

Nach dem Training ist man aufmerksamer und kann Informationen und Eindrücke rascher verarbeiten. Solche Trainingsprogramme gibt es, aber ihr Fokus liegt bislang auf dem Autofahren. Sie müssen also gezielt an Pedelec-Fahrer angepasst werden. Mittelfristig sollten sie aus Sicht der Forscher zur Pflicht für Elektroradler werden. Die Wissenschaftler regen zudem Aufklärungskampagnen an. "Großflächige Werbeplakate könnten darauf aufmerksam machen, dass Pedelec-Fahrer oft rasant unterwegs sind", meint Hermanutz und schlägt auch gleich einen Slogan vor: "So schnell wie der Blitz – doch hoffentlich nur so schnell wie der mitfahrende Schutzengel."

Das kann ich unterschreiben: Nach meiner ersten Pedelec-Fahrt dachte ich am Ziel, dass ein Helm wirklich keine schlechte Idee gewesen wäre.
 

Der Artikel ist in bild der wissenschaft 9/2016 erschienen. 

  
   Unsere Ausgabe 9/2016 können Sie hier bestellen:


 

               

Alle Ausgaben von bild der wissenschaft
können Sie bequem in unserem Onlineshop
www.direktabo.de bestellen.

 

 

Reload-Capcha neu laden Text der identifiziert werden soll

Bitte geben Sie zusätzlich noch den Sicherheitscode ein!

Rubriken

 


Harte Nuss
Rätsel: Berühmte Entdecker gesucht

 

Der Buchtipp

Der italienische Ökologe und Insektenforscher Gianumberto Accinelli erklärt Dominoeffekte in der Natur kindgerecht und mit einer Prise Humor. Sein Sachbuch ist Wissensbuch des Jahres 2017 in der Kategorie Perspektive.

Zu allen Buchtipps


Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Konradin Mediengruppe