Gentests enthüllen überraschend geringe Hybridisierungsrate in Deutschland Heimische Wildkatzen bleiben unter sich - wissenschaft.de
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Gentests enthüllen überraschend geringe Hybridisierungsrate in Deutschland

Heimische Wildkatzen bleiben unter sich

Bleibt bei uns in Deutschland gerne unter sich: die Wildkatze. (Foto: Steyer)
Positive Überraschung: Die Wildkatzen in Deutschland vermischen sich kaum mit Hauskatzen. Denn Gentests ergaben nur einen Anteil von rund drei Prozent Mischlingen. Das ist einer der niedrigste Hybridisierungsgrade in Europa – eine gute Nachricht für den Artenschutz.

Wildkatzen sehen auf den ersten Blick aus wie graugetigerte Hauskatzen. Doch die scheuen Waldbewohner sind eine eigene Unterart – Felis silvestris silvestris. Einst in Europa häufig, stand die Population der Europäischen Wildkatze in den 1920er Jahren sogar kurz vor der Ausrottung. Durch Jagd, Zerstückelung ihres Lebensraums und Krankheiten wurden die scheuen Jäger stark dezimiert. Inzwischen aber haben sich die Bestände wieder erholt, wie eine „Volkszählung“ in deutschen Wäldern ergab.

Droht Gefahr von den Hauskatzen?

Doch aus dem Schneider ist die Wildkatze noch nicht. Denn ihr droht Gefahr ausgerechnet von ihren zahmen Verwandten – den Hauskatzen. „In Deutschland kommen rein rechnerisch auf eine Wildkatze mehr als tausend Hauskatzen. Man sollte demnach davon ausgehen, dass Wild- und Hauskatze häufig aufeinandertreffen und sich auch paaren“, erklärt Annika Tiesmeyer, vom Senckenberg Forschungsinstitut und der Goethe-Universität Frankfurt.

Verpaaren sich Haus- und Wildkatze, entstehen fortpflanzungsfähige Hybride. Diese Vermischung kann so im Laufe der Zeit dazu führen, dass es kaum noch echte Wildkatzen gibt. „Im Laufe der Zeit könnten im schlimmsten Fall die heimischen Wildkatzen sogar gänzlich aussterben“, so Tiesmeyer. Die Vermischung von Wild- und Hauskatzen gilt daher als eine der wichtigsten Gefährdungsursachen für die Wildkatze.

Überraschend wenig „Mischlinge“

Tatsächlich ist diese Hybridisierung in einigen europäischen Regionen bereits weit fortgeschritten: In Schottland etwa gibt es wahrscheinlich keine echten Wildkatzen mehr, die Population besteht vollständig aus Mischlingen aus Haus- und Wildkatze. Auch in der Schweiz und Frankreich wurde in 12 Prozent der untersuchten Proben Merkmale von Haus- und Wildkatzen im Erbgut gefunden, wie eine kürzlich veröffentlichte Studie zeigt.

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Doch wie sieht es hier in Deutschland aus? Um das herauszufinden, haben die Wildtiergenetiker der Senckenberg-Gesellschaft 1071 Wildkatzen-Proben aus ganz Deutschland untersucht. Meist handelte es sich dabei um Haarbüschel oder Kot. Das überraschende Ergebnis: „Nur bei 37 der untersuchten Tiere wurde ein Hybridisierungsereignis festgestellt“, berichtet Katharina Steyer. Damit tragen nur etwa drei Prozent der untersuchten Wildkatzen deutliche Spuren von Hauskatzen-DNA im Erbgut. „Wir haben damit in Deutschland eine der geringsten Hybridisierungsraten in Europa“, sagt Steyer.

Weniger anfällig fürs „Fremdgehen“

Warum sich die über zehn Millionen Hauskatzen in Deutschland so selten mit den 5000 bis 10.000 Wildkatzen kreuzen, können auch die Forschenden noch nicht genau erklären. „Wild- und Hauskatzen treffen sich durchaus draußen am Waldrand, das wissen wir durch Untersuchungen mittels Haarfallen“, sagt Tiesmeyer. „Hybride scheinen aber zumeist dort vorzukommen, wo sich Wildkatzen gerade ausbreiten und wilde Paarungspartner Mangelware sind.“ Die Biologen vermuten, dass die Vermischung der beiden Katzenarten vor allem dort stattfindet, wo die Population der Wildkatzen gestört oder dezimiert ist.

„Ein gesunder Wildkatzenbestand verhindert Hybridisierung. Verschlechtern sich die Umweltbedingungen, kann sich die Situation auch wieder ändern und die Hybridisierung zunehmen“, erklärt Carsten Nowak, Leiter des Fachgebiets Naturschutzgenetik am Senckenberg Forschungsinstitut. Weil es den deutschen Wildkatzen momentan relativ gut geht und die Bestände wachsen, scheinen sie weniger anfällig für das „Fremdgehen“ mit der Hauskatze zu sein.

„Die neuen Ergebnisse geben zumindest für den Gefährdungsfaktor Hybridisierung Entwarnung“, sagt Steyer. Dennoch sei weiterhin Wachsamkeit angesagt. „Trotz der erfreulichen bleibt das Tier des Jahres 2018, die Wildkatze, eine bedrohte und seltene Art“, resümiert Nowak. „Die langfristige Beobachtung ihrer Bestände verrät uns viel über den Zustand unserer Umwelt.“

Quelle: Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen, Fachartikel: Ecology and Evolution, doi: 10.1002/ece3.3650

© natur.de – Nadja Podbregar
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