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Überraschungsfund: Erster Höhlenfisch Europas

Bleiche Haut, verkümmerte Augen und Tastfortsätze am Kopf: So sieht der nun erste bekannte Höhlenfisch Europas aus, den Taucher in einem Höhlensystem in der Nähe des Bodensees entdeckt haben. Die skurrilen Wesen, die zur Familie der Schmerlen gehören, sind nun außerdem die nördlichsten bekannte Höhlenfische der Welt.

Von anderen Kontinenten sind Höhlenfische bereits gut bekannt, doch obwohl Europa durchaus ebenfalls überflutete Höhlensysteme samt Lebewesen zu bieten hat, schienen Fische hier zu fehlen. Forscher haben sich bereits gefragt, warum das so ist. Doch nun zeigt sich: Auch in Europa gibt es einen Vertreter der Fische in finsterer Tiefe – und zwar in Süddeutschland.

Wo nur Profis hintauchen können

Der Lebensraum der Höhlenschmerlen ist ein Unterwassersystem im Westen des Bodensees zwischen Immendingen und Möhringen im Bereich der Quelle des Flusses Aach. Es gleicht einem überschwemmten labyrinthischen Röhrensystem, dessen gesamtes Ausmaß immer noch unbekannt ist. Um vorzudringen, müssen Höhlentaucher vom Beginn der Quelle der Aach aus gegen die Strömung schwimmen. Um an die Fundstelle der Fische zu gelangen, brauchen sie deshalb etwa eine Stunde.

„Tauchen in diesem Gebiet ist etwas für echte Profis. Es gibt zum Beispiel auf dem Weg eine Art Siphonschacht, der 40 Meter senkrecht nach unten fällt. Hier wird mit speziellen Atemluftmischungen getaucht, um die Dekompressionszeiten auf dem Rückweg zu verkürzen. Außerdem macht die schlechte Sicht durch den von der Strömung oft aufgewirbelten Schlamm alles noch schwieriger“, sagt der Höhlentaucher Joachim Kreiselmaier, der bei einem der dreistündigen Tauchgänge die ersten Höhlenschmerlen entdeckt hat.

Evolution mit Vollgas

Der Fund ist eine echte Überraschung, denn bisher nahm man an, dass Höhlenfische sich so weit nördlich nicht entwickelt haben können, da in der Eiszeit die Gletscher alles Leben unter sich begraben hatten. Doch die Untersuchungen der Schmerlen lassen nun vermuten, dass sich ihre Vorfahren tatsächlich erst nach der Eiszeit in das finstere System gewagt und dort zu sogenannten Troglodyten (Höhlenbewohnern) entwickelt haben. „Mit dem Rückzug des Gletschers ist das System für Fische erst besiedelbar geworden“, sagt Co-Autor Arne Nolte von der Universität Oldenburg/Max-Planck Institut für Evolutionsbiologie Plön. „Irgendwann nach dem Ende der Würmeiszeit, vor maximal 20.000 Jahren, müssen sie dort eingewandert sein, und zwar aus der Donau, das können wir aus unseren genetischen Analysen klar sehen“.

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Offenbar konnten sich die Fische in dieser kurzen Zeit schon zu echten Höhlenbewohnern entwickelt. „Die Augen sind stark reduziert, fast als wären sie nach innen gestülpt. Auch die Färbung ist fast verschwunden. Die Fische haben verlängerte Tastfortsätze am Kopf, sogenannte Barteln, und die Nasenöffnungen sind größer als bei ihren oberirdischen Verwandten“, berichtet Co-Autor Jörg Freyhof vom Leibniz-Institut für Gewässerschutz und Binnenfischerei Berlin. Sie scheinen sich offenbar von Höhlenkrebsen, Höhlenasseln und Höhlenschnecken zu ernähren, die ebenfalls in den Unterwassergängen hausen.

Die aus evolutionärer Sicht erstaunlich schnelle Entstehungsgeschichte der Fische ist nun besonders interessant für die zukünftige Forschung, sagen die Forscher. Die spektakuläre Entdeckung zeigt aber auch, dass sogar noch in Deutschland – einem der besterforschten Länder der Welt – noch unbekannte Wesen im Verborgenen hausen.

Video: Der Höhlenfisch in seiner finsteren Heimat. (Film: Joachim Kreiselmaier, Freunde der Aachhöhle e.V.)  

Originalarbeit der Forscher:

© wissenschaft.de – Martin Vieweg
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