Vor 60 Jahren: Morden unter Nachbarn?
Eine Nation diskutiert ein Massaker: Seit Monaten erhitzen sich in Polen die Gemüter an dem schmalen Bändchen des polnischstämmigen amerikanischen Politologie-Professors Jan Tomasz Gross, in dem er darlegt, dass die Hauptschuld an dem Massaker von Jedwabne (s. Artikel: Die gesicherten Fakten) nicht die Deutschen, sondern die Polen hatten – die unmittelbaren Nachbarn der jüdischen Einwohner von Jedwabne. Demnach hatte die Gestapo, die eine kleine Delegation nach Jedwabne entsandt hatte, dem polnischen Bürgermeister acht Stunden Zeit gegeben, um "mit dem Judenproblem fertig zu werden". Dieser Bürgermeister sei dann der Organisator des Pogroms gewesen, an dem sich die katholischen Bürger beteiligten, ohne sich lange auffordern zu lassen.
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Diese These hat die polnische Öffentlichkeit schockiert. Ähnlich wie in Frankreich war man in Polen immer stolz auf die ausgedehnten Widerstandsbestrebungen gewesen. Und nun sollen polnische Bürger sich zu willigen Erfüllungsgehilfen der deutschen Nazis gemacht haben. Am meisten berührt waren davon der polnische Klerus, polnische Historiker, die sich auf die neueste polnische Geschichte spezialisiert haben, und diejenigen, die mittelbar oder unmittelbar mit Jedwabne, den Opfern oder den Tätern verbunden sind. Die rechte Presse und rechte Intellektuelle in Polen werfen Gross vor, dass er – selbst Warschauer Jude – gar nicht objektiv berichten könne. Unterschwellig wurde gleichzeitig die Botschaft transportiert, die in die USA emigrierten Juden beherrschten die amerikanische Medienlandschaft und stellten ständig die Polen als Antisemiten dar.
Für Empörung in der jüdischen Welt hat die Äußerung Kardinal Glemps gesorgt, der sein Entsetzen über die Tat seiner polnischen Landsleute vor 60 Jahren mit einem Hinweis auf den heutigen Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern verband. Einem Bericht der Jewish Week zufolge sagte Glemp in einem Radio-Interview: "Die Morde an Unschuldigen in Jedwabne, Katyn [wo polnische Offiziere vom sowjetischen NKWD getötet worden waren], Dachau, Auschwitz rufen unseren Schmerz als Angehörige der menschlichen Spezies ebenso hervor wie die Morde in Ruanda, auf dem Balkan oder unter Nachbarn in Palästina." Die meisten konservativen oder rechten Polen bestreiten die polnische Schuld in Jedwabne jedoch nicht prinzipiell. Allerdings gibt es Ausnahmen. The Jewish Week zitiert Edward Orlowski, den örtlichen Priester von Jedwabne mit den Worten: "Die Deutschen waren es, genauso wie in den anderen Städten in Polen. Die Polen halfen nur beim Transport, und dazu sind sie gezwungen worden." In Jedwabne selbst wurde über die Verstrickung der nicht-jüdischen Bewohner in die grausigen Ereignisse vom 10. Juli 1941 offenbar schon seit Jahrzehnten hinter vorgehaltener Hand gesprochen. "Davon, dass vor allem Polen den Juden einen grauenvollen Tod bereitet hatten, wussten und berichteten nicht nur die alten Leute, die in Jedwabne den Krieg erlebt hatten, sondern auch die Jungen, die die Wahrheit nur aus der elterlichen Überlieferung kannten", schrieb der polnische Journalist Andrzej Kaczyn´ski in der polnischen Zeitung Rzeczpospolita. "'Keiner von den Mördern lebt mehr', versicherten sie. Aber fast alle [Befragten] wollten, dass ihr Name geheim gehalten würde. Unserem Fotoreporter, der auf dem Markt junge Leute nach einer Gedenkstätte für die Jedwabner Juden und ein Mahnmal des Massakers fragte, wurde mit einem Anflug von Spott geantwortet, ob er gekommen sei, das ehemals jüdische Hab und Gut einzufordern." Unter den Historikern, die von Berufs wegen versuchen müssen, möglichst objektiv den Gang der Ereignisse vor sechzig Jahren zu rekonstruieren, ist das Buch von Gross im Großen und Ganzen mit Zustimmung aufgenommen worden. So befand der renommierte polnische Holocaust-Forscher Tomasz Szarota, dass Gross ein "überaus wichtiges Buch" geschrieben habe. Doch auch die Historiker, die eher dem liberalen Lager zuzurechnen sind, rätseln vor allem über zwei Fragen. Und sie werfen Jan Tomasz Gross vor, diesen Fragen nicht in ausreichendem Maße nachgegangen zu sein. Die erste Frage ist die nach der Rolle der Deutschen und die zweite Frage ist die nach dem Motiv der Polen für den Massenmord an ihren jüdischen Nachbarn.
Man weiß, dass die Deutschen an jenem 10. Juli 1941 in Jedwabne gefilmt haben. Im Dienste von Joseph Goebbels haben Kameraleute in den besetzten Gebieten Übergriffe der einheimischen Bevölkerung auf ihre jüdischen Mitbürger gefilmt. Mit diesen Schreckensszenen wollten die nationalsozialistischen Machthaber in den Wochenschauen in Deutschland den Kinobesuchern klar machen, warum es wichtig sei, "Schutzzonen für die Juden" – also Gettos – einzurichten. Wo sind diese Filmaufnahmen? Bisher wurden sie nicht gefunden. Meistens gab es zu dem Filmmaterial auch schriftliche Aufzeichnungen. Gross, so werfen ihm auch wohlgesonnene Historiker vor, habe nicht danach gesucht. Er habe auch nicht die noch vorhandenen Kriegstagebücher der Nazi-Truppen studiert.
Auch die andere Frage nach dem Motiv der polnischen Bürger für die unvorstellbare Grausamkeit gegenüber ihren Mitbürgern werde, so die Meinung mancher Historiker, in Gross' Buch nicht genügend ausgeleuchtet. Brach sich hier einfach schierer Antisemitismus Bahn? Oder ging es um Rache? Im September 1939 hatten die Sowjets, nachdem sie mit den Deutschen in einem deutsch-sowjetischen Grenzvertrag eine Demarkationslinie in Ostpolen bestimmt hatten, das Städtchen Jedwabne besetzt. Da die Sowjets den Juden das Ende der Diskriminierung, die sie schon in der Zwischenkriegszeit erfahren hatten, versprachen, haben manche Juden wohl den Einmarsch der Roten Armee begrüßt und in den darauf folgenden Monaten mit den sowjetischen Besatzungsbehörden zusammengearbeitet. In Gross' Buch finden sich keine Hinweise auf diese Zusammenhänge. Einen ganz anderen Ansatz verfolgt der polnische Historiker Tomasz Strzembosz, der sich mit polnischen Untergrundbewegungen im Zweiten Weltkrieg beschäftigt hat. Auch er leugnet die (Mit-)Schuld Jedwabner Bürger nicht. In der Zeitung Rzeczpospolita veröffentlichte er Ende März 2001 einen langen Artikel, in dem er sich mit den Prozessakten von 1949 (s. Artikel: Die gesicherten Fakten ) sowie mit weiteren Aussagen von Zeugen befasst, die ihn erreichten. Strzembosz zeigt zum einen, dass die Präsenz an deutscher Gendarmerie und Gestapo sehr viel stärker war als angenommen. So sagte ihm im November 2000 noch ein Zeuge, dass zum fraglichen Zeitpunkt in Jedwabne "alles grün" [von Uniformen] gewesen sei.
Zum anderen rechnet Strzembosz nach, wie viele Personen von der polnischen Bevölkerung sich hätten an dem Massaker beteiligen können – selbst wenn man diejenigen mit einbezieht, die als flüchtig galten oder die verstorben waren. Er kommt auf 23 Personen. Diese 23 Personen sind die, die anhand der Quellenlage ohne Doppeltzählung identifizieren ließen. Zwar spricht er auch von "nicht identifizierten Jugendlichen aus den Nachbardörfern und einfachen Zuschauern", die in den Zeugenaussagen wiederholt vorkämen, dennoch zieht er den Schluss: "Wir haben es also nicht mit der 'Bevölkerung' von Jedwabne zu tun, sondern mit einer Gruppe von etwa zwei dutzend Männern." Als er auf die Hauptschuldigen zu sprechen kommt, legt er Wert auf die Feststellung, dass sie keine richtigen Polen waren: "Der Meistschuldige unter ihnen – Karol Bardon – kann nur schwer als Vertreter des Polentums gehalten werden (geboren in Schlesien in der Nähe von Teschen, deutscher Soldat im Ersten Weltkrieg, verlässlich, denn seit Okkupationsbeginn in der Gendarmerie), die zwei weiteren sind ein in der Stadt bekannter Säufer und Krawallmacher und ein Bandit." Auch in Deutschland ist das Buch von Jan Tomasz Gross – bereits vor seinem Erscheinen auf Deutsch – beachtet worden. Doch die Deutschen bleiben gleichsam Zaungäste der Diskussion in Polen. Denn für die demokratisch gesinnten Deutschen ändert sich durch die Erkenntnisse von Jan Tomasz Gross nicht wirklich etwas. Das Hitler-Regime hat auf unvorstellbare Weise in Polen gewütet, und beim Massaker von Jedwabne waren auf jeden Fall deutsche Nazi-Schergen zugegen, die die Tat entweder in Auftrag gegeben haben oder die gewaltbereiten Teile der polnischen Bevölkerung aufgestachelt haben.
Doris Marszk
Das Massaker von Jedwabne: Die gesicherten Fakten
Am 10. Juli 1941 verbrannten 1600 Menschen in einer Scheune im ostpolnischen Städtchen Jedwabne, das zu jener Zeit 2500 bis 3000 Einwohner hatte. Die verbrannten Menschen waren Juden und stellten etwas mehr als die Hälfte der Einwohnerschaft. Es war kein Unfall; die Menschen waren einem Massaker zum Opfer gefallen. In der Stadt waren deutsche Gestapo-Leute und deutsche Gendarmen anwesend. – Dies sind die Fakten, die von niemandem angezweifelt werden. Was es darüber hinaus an Vermutungen, Augenzeugenberichten, Quellen gibt, ist geeignet, das polnische Bild von der eigenen jüngeren Geschichte nachhaltig zu erschüttern. Lange Zeit galt in der offiziellen Geschichtsschreibung des Ortes, dass nicht nur die Urheber, d.h. diejenigen, die den Befehl gegeben haben, sondern auch die Ausführenden, deutsche Nazi-Schergen waren. Nach Recherchen des polnischstämmigen amerikanischen Wissenschaftlers Jan Tomasz Gross, die er in einem schmalen Bändchen mit dem Titel "Neighbors: The Destruction of the Jewish Community in Jedwabne, Poland" zusammengefasst hat, war das Massaker ein Morden unter Nachbarn: Katholische Polen hätten ihre jüdischen Mitbürger in eine große Scheune getrieben, diese mit Benzin übergossen und angezündet. Aufgefordert oder angestachelt worden seien sie von den deutschen Nazi-Schergen. Die Deutschen selbst hätten sich an der Tat nicht beteiligt. Genau genommen war dies schon einmal behauptet worden. 1949 gab es sogar einen Strafprozess, bei dem zwei Dutzend polnische Männer vor Gericht standen. Viele von ihnen wurden zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt, einer sogar zum Tode (sein Urteil wurde aber dann in eine lange Freiheitsstrafe umgewandelt). Doch 1949 hatten in Polen stalinistische Kommunisten das Sagen. Da darf schon geargwöhnt werden, dass Gerichtsprozesse nicht immer fair verliefen, da die Angeklagten ja auch der Zusammenarbeit mit den Faschisten bezichtigt wurden. Dennoch: Von den wenigen Überlebenden des Massakers vom 10. Juli hat einer – Szmul Wasersztajn – noch 1945 einen Bericht für die polnischen Behörden über das Geschehene geschrieben. Jahrzehnte später hat Wasersztajn, der im Frühjahr 2000 starb, seine Angaben von damals gegenüber Jan Tomasz Gross nochmals bestätigt. Bisher ist das Buch von Jan Tomasz Gross nur auf Polnisch und auf Englisch erschienen. Eine deutsche Übersetzung soll folgen. Jan Tomasz Gross: Neighbors: The Destruction of the Jewish Community in Jedwabne, Poland, Princetom University Press, Princeton 2001. ISBN 0-691-08667-2 zurück zum Hauptartikel
Doris Marszk


















