Heilmittel aus der Froschapotheke
Der nordirische Forscher Chris Shaw von der Universität Ulster stöbert in einer der ältesten Apotheken der Welt: im Hautschleim von Fröschen. Über Jahrmillionen mussten sich die Frösche ohne Klauen und nur durch zarte Haut geschützt im Regenwald behaupten. Für diesen Überlebenskampf entwickelten sie als Schutzschild im Schleim auf ihrer Haut eine Vielzahl biologischer "Kampfstoffe" - Tausende vielversprechender Wirkstoffe für neue Medikamente, glaubt Chris Shaw.
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Einige Funde sind bereits geglückt. So gewannen Wissenschaftler aus den Absonderungen eines australischen Baumfrosches ein Antibiotikum mit einer neuen Wirkungsweise. In ersten Versuchen konnten die Forscher bereits zeigen, dass die Substanz eine ganze Palette an Bakterienarten tilgen kann, unter anderen auch so genannte multiresistente Keime, denen viele der herkömmlichen Antibiotika nichts mehr anhaben können. Da sie sich rasant ausbreiten, verlangen Mediziner seit Jahren nach neuen Wirkstoffen.
Die entscheidenden Waffen in diesem Kampf könnten nun aus Froschgiften stammen. Die grobschlächtige Wirkungsweise dieser Substanzen – sie schlagen Löcher in die Hülle von Krankheitserregern, die danach auslaufen oder wie Luftballone platzen – mache es Bakterien fast unmöglich, sich vor deren tödlichen Wirkung zu schützen, sagt Shaw. Bisherige Antibiotika legen dagegen meist ein bestimmtes Eiweiß in den Bakterien lahm. Die Keime müssen daher nur die Struktur dieses Eiweißes etwas verändern, und schon verliert das Medikament seine Wirkung. Die Froschgift-Apotheke hält jedoch nicht nur Abwehrstoffe gegen Krankheitserreger bereit. Auch Mittel gegen Bluthochdruck und Krebs haben die Biologen bereits gefunden. Im Schleim eines mexikanischen Blattfrosches etwa lagert ein Wirkstoff, der den Blutdruck effizient senken kann. Die Substanz wirke schon bei tausendfach geringerer Konzentration als heutige Mittel, berichtet Shaw. Zudem fanden die Forscher in den gleichen Sekreten einen Blutverdünner, der wie Aspirin Blutpfropfen verhindern und so etwa vor Herzinfarkten und Hirnschlägen schützen kann.
Ein Frosch, den die Forscher aus Nordamerika mitgebracht hatten, scheint dagegen ein Mittel gegen Krebs zu produzieren. Die Substanz gleiche einem menschlichen Signalmolekül, das das Wachstum von krebsartigen Tumoren beeinflusse, so Shaw. Insbesondere Blutkrebszellen soll das Froschgift stoppen. In ersten Versuchen fanden die Forscher, dass sich der Wirkstoff an Vorläufer von Blutzellen heftet und deren Wachstum bremst. Im Regenwald würden weitere Heilmittel gegen Krebs, Herz- und neurodegenerative Erkrankungen auf ihre Entdeckung warten, ist Shaw überzeugt. Diese Apotheke zu erkunden, erfordert nicht nur die abenteuerliche Suche nach Fröschen, sondern auch den Einsatz hochtechnologischer Wirkstoffreinigung. Aus allen Teilen der Welt haben die Forscher bereits Frösche gesammelt. Dabei wird möglichst das Wissen von ansässigen Heilern und aus Volksbräuchen und –märchen verwendet, erzählt Shaw. Zudem arbeiten die Sammler meist mit Forschungseinrichtungen des jeweiligen Landes zusammen.
Im Moment haben die Forscher ihr Augenmerk auf China gerichtet. Auf einer mehrwöchigen Reise stockte die Gruppe diesen Herbst zusammen mit chinesischen Forschern von der Universität Fuzhou ihr Arsenal um zwölf neue Frösche auf. Das Gift nehmen die Forscher den Tieren schonend ab: Durch leichte elektrische Stimulierung der Haut fördern sie den Ausstoß des giftigen Schleimes. Solche Giftcocktails können über tausend verschiedene Substanzen enthalten. Um in dieser Fülle interessante Wirkstoffe zu entdecken, wenden die Forscher neueste Methoden aus der Biochemie an. Sie suchen dabei vor allem nach kleinen Eiweiß-Molekülen, den Peptiden. Dazu klären die Forscher die Struktur der Sekretmoleküle auf und vergleichen diese in Internet-Datenbanken mit der bereits bekannter Wirkstoffe. Sind sich zwei Substanzen ähnlich, testen die Biologen das Froscheiweiß in Versuchen an Zellen und Tieren.
In diesem Stadium der Medikamentensuche befinden sich zur Zeit ihre verheißungsvollen Wirkstoffe, berichtet der "Froschmediziner". Für einige seien bereits Patente beantragt. Doch den Forschern läuft die Zeit davon. Durch das weltweite Amphibiensterben gehen jeden Tag auch wertvolle Medikamente verloren, bevor sie überhaupt entdeckt wurden. "Wir müssen diese Resource schnell ergründen", warnte Shaw kürzlich auf einem Kongress von Pharmakologen. Auch das renommierte Washingtoner Worldwatch-Institut mahnte im diesjährigen Bericht, diesen "großen Schatz" zu schützen.
Ob der Dichter William Shakespeare vor vierhundert Jahren schon den Erfolg der "Froschmedizin" ahnte? "Süß ist die Frucht der Widerwärtigkeit, die gleich der Kröte, häßlich und voll Gift, ein köstliches Juwel im Haupte trägt", heißt es in seinem Stück "Wie es euch gefällt". Hören Sie sich das Quaken der Frösche an.
Marcel Falk



















