Wie sibirische Windräder Europa mit Strom versorgen könnten
Forscher hält Energiewende selbst mit heutiger Technik für möglich
Auf der Suche nach den Energiequellen der Zukunft taucht Energie aus Sonne, Wind und Wasser in allen Planspielen auf. Doch schon nach dem heutigen Stand der Technik könnten diese eine tragende Rolle spielen, sagt der Elektrotechniker und Physiker Gregor Czisch vom Institut für Elektrische Energietechnik/Rationelle Energiewandlung der Universität Kassel: Eine flächendeckende Versorgung weiter Teile Europas mit Ökostrom sei schon mit dem heutigen Stand der Technik und zu sozialverträglichen Kosten machbar, lautet sein Credo. In seiner Doktorarbeit hat der wissenschaftliche Mitarbeiter entsprechende Szenarien für einen möglichen Versorgungsraum von Sibirien bis Südmauretanien mit einer Bevölkerung von 1,1 Milliarden Menschen und einem Stromverbrauch von 4.000 Terawattstunden (TWh oder Milliarden Kilowattstunden) pro Jahr entworfen.
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Die Basis bildet Windenergie von den ertragreichen Küsten Nordafrikas und aus den Steppenlandschaften Sibiriens und Kasachstans. Dort könnten Windparks zwei Drittel der notwendigen elektrischen Energie produzieren, also Strom in einer Größenordnung von 2.840 TWh, hat Czisch hochgerechnet. Eine Vergleichszahl dazu: Der gesamte Stromverbrauch in Deutschland liegt heute bei jährlich etwa 550 TWh. Biomasse mit rund 18 Prozent und Wasserkraft mit etwa 15 Prozent dienen als Backup für die Phasen, in denen die Windernte geringer ausfällt. Die Energie aus Wasserkraft könnte aus bereits bestehenden Kraftwerken in verschiedenen Regionen stammen, besonders jedoch aus Schweden und Norwegen.
In einer von ihm als "konservatives Grundszenario" bezeichneten Modellrechnung hat der Wissenschaftler ausschließlich bereits verfügbare Techniken und heutige Kosten zugrunde gelegt. Würde danach der beschriebene Kraftwerks- und Leitungspark über einen Zeitraum von etwa zwanzig Jahren aufgebaut, so beliefen sich die jährlichen Investitionskosten auf 77,5 Milliarden Euro. Das entspräche in etwa sechs Promille des Bruttoinlandsproduktes des gesamten Szenariogebietes im Jahr 2002. Eine Stromversorgung aus den genannten Energiequellen sei zu Kosten von 4,65 Cent pro Kilowattstunde (KWh) bei Übergabe in bestehende Netze möglich. Dieser Preis liege noch unter dem derzeit an den Strombörsen gehandelten.
Zwei Voraussetzungen allerdings müssen erfüllt sein, damit Czischs Rechnung aufgeht: Erstens muss ein großflächiges Netz für den Transport der elektrischen Energie geschaffen werden. Nur so könnten saisonale und zeitliche Schwankungen kostengünstiger regionaler Energiepotenziale ausgeglichen und Speicherkapazitäten von Wasserkraft und Biomasse nutzbar gemacht werden, erläutert der 43-Jährige. Zweitens muss für diese großflächige Versorgung auf eine Technik namens Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ) zurückgegriffen werden. Bei dieser wird elektrische Energie mit Gleichstrom bei hohen Spannungen von 100 bis 1000 Kilovolt übertragen. Verlust, Kosten und Landschaftsverbrauch betragen bei einem Transport über weite Strecken nur etwa ein Drittel im Verhältnis zum gängigen Drehstrom.



















