Das Geheimnis der selektiven Wahrnehmung
Augen und Gehirn arbeiten beim Sehen eng zusammen
Als gleichberechtigte Partner entscheiden sowohl die Augen als auch das Gehirn, worauf der Blick gerichtet wird. Um die Bilderflut auszuwerten, ist im Kopf ein ganzes Netzwerk beschäftigt. Diese gewaltige Denkleistung ergänzen die Pupillen mit ihrer Geschwindigkeit. In Millisekunden erfassen sie Worte und Bilder, liefern dabei aber nur lückenhafte Informationen, die sie sogar beim Lesen vom Gehirn ergänzen lassen. Die Folge: Gesehenes ist immer mit reichlich persönlicher Fantasie gespickt.
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"Warum schaust Du mich nicht an, wenn ich mit dir spreche?" Oder: "Wo guckst du denn schon wieder hin?" Solche Vorwürfe hat jeder schon einmal zu hören bekommen. Der Betroffene fühlt sich meist ertappt und reagiert betreten. Psychologen und Neurologen freuen sich dagegen darüber, dass die Augen wie kein anderes Sinnesorgan verraten, was im Kopf vorgeht: "Augenbewegungen sind ein direktes Maß dafür, womit sich der Geist gerade beschäftigt", erklärt Hans-Otto Karnath, Neurologe an der Universität Tübingen. Anhand dieses Fensters in den Kopf wollen die Forscher ergründen, wie das Sehorgan in Sekundenbruchteilen eine Szene oder ein Wort erfasst. Es ist ein rasender Beobachter, der es mit den Details allerdings nicht immer besonders genau nimmt.
"Was unsere Aufmerksamkeit erlangt, können einerseits die Augen steuern, aber auch das Gehirn", schildert Karnath. Wenn die Kaffeetasse angeschaut werden soll, befiehlt die Denkzentrale dies den Pupillen. Umgekehrt können auch die Augen das Gehirn auf ein Objekt aufmerksam machen, etwa ein Kind auf einem Dreirad, das am Rand des Blickfeldes auftaucht.
Für beide Strategien, die kopf- und die augengesteuerte Wahrnehmung, sind im Gehirn unterschiedliche Areale verantwortlich. Einzelne dieser Zentren können bei Schlaganfallpatienten zerstört sein: Sie können beispielsweise die Kaffeetasse nicht ansehen, auch wenn sie dies wollen. Andere sehen zwar das Kind auf dem Dreirad am Rand des Sichtfeldes. Dennoch ist es ihnen nicht möglich, die Pupillen gezielt hinzuwenden.




















