Die Psychologie des Märchens
Was die Lieblingsgeschichte über das Seelenleben eines Kindes verrät
Ruben mag Märchen. Vor allem die Geschichte vom Froschkönig hat es dem Zehnjährigen angetan: Wenn er sie erzählt, drückt er ihr seinen ganz persönlichen Stempel auf. Bei ihm ist zum Beispiel der Wald, in den die Prinzessin so gerne geht, dunkel und bedrohlich. Und er beschreibt ausführlich die Verzweiflung, die die Königstochter fühlt, als ihr ihre goldene Kugel in den Brunnen fällt. Schließlich lehnt sie auch noch die Hilfe des Frosches, anders als im Original, wütend ab.
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Rubens Erzählweise und seine Vorliebe für den Froschkönig sind kein Zufall, berichtet das Magazin "bild der wissenschaft" in seiner Juli-Ausgabe. Die italienische Psychologin Verena Bertignoll hat nämlich gezeigt: Welches Märchen ein Kind mag und was es beim Erzählen hervorhebt, weglässt oder verändert, verrät vieles über seine inneren und äußeren Konflikte, über seine Ängste, Befürchtungen, Aggressionen und Wünsche.
In Rubens Fall etwa gibt es eine starke Ähnlichkeit zwischen seiner Darstellung der Königstochter und ihm selbst. Beide haben niemanden zum Spielen – laut seiner Mutter hat Ruben keine Freunde –, und die Welt außerhalb der gewohnten Umgebung erschreckt sie. Und auch Ruben reagiert wütend, wenn er verletzt oder traurig ist oder sich unfair behandelt fühlt. "Das Lieblingsmärchen hat diagnostischen Wert. Märchen bieten Bilder, die das zum Ausdruck bringen, was das Kind gerade beschäftigt, und gleichzeitig eine Projektionsfläche, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen", erläutert Bertignoll.
Den Zusammenhang erstmals postuliert hatte der Psychoanalytiker Hans Dieckmann in den 1960er Jahren. Er glaubte, viele Menschen trügen ein Lieblingsmärchen in sich, das die Entwicklungskonflikte der Kindheit spiegelt. Tatsächlich überprüft wurde diese These jedoch erst vor kurzem, als sich die Kinderpsychologin Bertignoll des Themas in einer kleinen qualitativen Studie annahm: Sie ließ neun Kinder im Alter zwischen sechs und zehn Jahren vor einer Kamera ihr Lieblingsmärchen erzählen und fand tatsächlich viele Überlagerungen von Persönlichkeit und Märcheninhalt.




















