Von Pflanzen, elektrischen Impulsen und Gehirnen
Botaniker finden immer mehr Signalsysteme in der Flora, die ähnlich arbeiten wie Nerven
Tiere – und Menschen – stehen buchstäblich dauerhaft unter Strom. Ständig flitzen elektrische Signale durch ihre Nerven, ermöglichen Bewegungen, Riechen, Schmecken, Sehen – und, nicht zu vergessen, die Reaktion auf unvorhergesehene Ereignisse. Ohne die fixen elektrischen Impulse wäre es beispielsweise nicht möglich, beim plötzlichen Auftauchen eines hungrigen Löwen Reißaus zu nehmen. Pflanzen tun sich dagegen im Allgemeinen nicht gerade durch hektische Betriebsamkeit hervor. Sie stehen stets an der gleichen Stelle, bewegen sich höchstens einmal sacht im Wind und wachsen dabei langsam vor sich hin. Schnelle Stromstöße, so die Ansicht vieler Botaniker, braucht man für einen solchen Lebensstil nicht.
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Doch die Pflanzen sind offenbar anderer Ansicht: Sie setzen ebenfalls auf Strom – in welchem Maße, kristallisiert sich erst nach und nach heraus. Die ersten Hinweise stammen bereits aus dem Jahr 1873, berichtet "bild der wissenschaft" in seiner November-Ausgabe: Damals entdeckte der britische Physiologe Sir John Scott Burdon-Sanderson, dass Venusfliegenfallen den Motor ihres Klappmechanismus mit Hilfe von elektrischen Signalen, sogenannten Aktionspotenzialen, aktivieren.
Und die fleischfressende Pflanze sollte nicht das einzige Grünzeug unter Strom bleiben: In der Folgezeit entdeckten Forscher immer mehr Beispiele, bei denen Pflanzen elektrische Impulse zur Signal- und Informationsweiterleitung benutzen. So schicken Maiswurzeln per Stromstoß die Info "Wasser!" an den Rest der Pflanze, wenn sie nach einer Durstzeit wieder das kühle Nass zur Verfügung haben. Der Hibiskus hingegen bereitet mit Hilfe von Aktionspotenzialen kommendem Nachwuchs den Boden: Sobald eine Bestäubung stattgefunden hat, schickt die Pflanze Signale an das im Inneren der Blüte liegende Ovar mit der Eizelle, wo darauf hin die Stoffwechselaktivität gesteigert wird.
Und Tabakpflanzen setzen sogar doppelt auf Elektrizität: Werden sie verletzt, lösen sie sofort ein Aktionspotenzial aus und kurbeln damit die Produktion von Abwehrstoffen an. Etwas später schicken sie noch ein weiteres, in seiner Stärke sehr variables elektrisches Signal hinterher, das möglicherweise "Auskunft über den Schweregrad der Verletzung gibt", wie sein Entdecker Axel Mithöfer vom Max-Planck-Institut für Chemische Ökologie in Jena spekuliert.



















