Aussterbendes Naturschauspiel
Die Tierwanderungen der großen Herden schwinden, warnen Zoologen
Die Erde zittert. Ein dumpfes Poltern schwillt zu einem rollenden Donnern an. Es sind Millionen Hufpaare, die in rascher Folge auf die Erde schlagen und ein wildes Konzert anstimmen. Dann taucht eine unermessliche Herde Gnus über der gesamten Breite des Horizonts auf. So dicht wie Menschen in einer Fußgängerzone rasen sie über die Savannen der afrikanischen Serengeti. Für Stunden preschen immer neue Tiere am Auge des Betrachters vorbei.
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Bis heute sind Menschen von diesem grandiosen Naturschauspiel überwältigt. Gnus, Zebras und Karibus legen in Herden von einer Million Tieren viele tausend Kilometer im Jahr zurück. Ihr Strom folgt Wasserstellen und Futterquellen. Bisons und Elche fliehen vor zu tiefem Schnee und suchen geschützte Regionen für die Aufzucht ihrer Jungen. "Tausende Tiere, die über die Landschaft ziehen, mit klackenden Hufen und aufwirbelndem Staub, das ist ein visuelles Spektakel, das auf unserem Planeten seinesgleichen sucht", schwärmt Grant Harris vom amerikanischen naturhistorischen Museum in Albuquerque, der es mit eigenen Augen erlebt hat.
"Das Phänomen ist ein Schatz, den wir einfach nicht vergeuden dürfen." Harris fürchtet um diesen Schatz. Denn seit den siebziger Jahren wird er zusehends geplündert. Die Routen der Tiere werden immer kürzer. Die Herden schrumpfen bedrohlich. Sechs Arten, darunter Springbock und Säbelantilope, begeben sich heute gar nicht mehr auf Reisen, schreibt Harris zusammen mit Ökologen aus Europa und den USA sowie der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt in der Zeitschrift "Endangered Species Research". Die Forscher hatten die Pfade von 24 Landsäugetieren ausgewertet.
Mit Ausnahme der Gnus in der Serengeti, den Weißohr-Kobs – einer Antilopenart im Südsudan – und den Karibus in Nordamerika sind die Wanderrouten aller anderen Tiere geschrumpft oder verschwunden. Beispielsweise taucht das Streifengnu in drei afrikanischen Regionen nicht mehr auf. In den Athi- und Kapiti-Ebenen Kenias wurde es nicht mehr gesichtet. Im Etosha-Nationalpark, dem bedeutendsten Schutzgebiet Namibias, ist sein Bestand von 30.000 auf 2.000 zurückgegangen. Seit der Einzäunung des Parks 1993 sucht man außerhalb des Parks vergeblich nach Gnus, berichtet Harris. Im südafrikanischen Krüger-Nationalpark sind die Herden in den vergangenen drei Jahrzehnten auf ein Sechstel dezimiert worden. Ihre jährlichen Streifzüge über die Parkgrenzen hinaus haben sie gänzlich eingestellt, seit das Gelände abgesperrt wurde.



















