head

HINTERGRUND - Druckversion
drucken >>

04.10.2005 - Medizin

Spätstart auf Sparflamme: Deutschland bleibt bei der Vorsorge für eine weltweite Grippewelle hinter vielen EU-Nachbarstaaten zurück

Ende der neunziger Jahre forderte die Weltgesundheitsorganisation alle Staaten auf, einen Notfall-Plan für eine weltweite Grippe-Pandemie zu erstellen. Einige EU-Mitgliedsstaaten reagierten prompt. In Deutschland diskutierten wohl die Experten, doch ein Entwurf konnte erst vor gut einem halben Jahr vorgelegt werden. Mittlerweile ist man nach spätem Start dabei den Pandemieplan umzusetzen. Doch Mediziner haben wenig Lob für die bisherigen Bemühungen übrig. An allen Ecken und Enden werde gespart. Viel weniger Medikamente werden eingelagert als in einigen Nachbarländern und Impfstoffkapazitäten sind im Gegensatz zu diesen auch noch nicht in ausreichendem Umfang reserviert.

(Bild: Wikipedia)
Alle hundert Jahre wüten im Schnitt drei Grippewellen mit einem neuartigen, bis dahin unbekannten Virus. Die letzte Welle dieser Art forderte weltweit schätzungsweise eine Million Menschenleben. Sie liegt jedoch fast 40 Jahre zurück, und seither lieben Influenza-Pandemien aus.

"Es ist nicht die Frage, ob sie kommen wird, sondern nur die Frage wann", schätzt Max Kaplan von der Bayerischen Landesärztekammer. Davon ist auch die Weltgesundheitsorganisation WHO überzeugt: Sie forderte bereits 1999 alle Nationen auf, so genannte Pandemiepläne zu entwerfen, um sich für eine weltweite Erkrankungswelle zu rüsten und so im Ernstfall den Influenza-Virus möglichst gut im Schach halten zu können.

Obwohl die deutschen Experten sich unmittelbar nach dem Aufruf der WHO ans Werk machten, verzögerten sich die Arbeiten – hauptsächlich wegen des mühseligen Austauschs im Zuständigkeitsdschungel zwischen Bund und Ländern. Im Jahr 2000 konnten acht EU-Mitgliedsstaaten der EU-15 einen Pandemieplan vorweisen; einzig und allein in Deutschland lag damals noch nicht einmal ein Entwurf vor. Erst im Frühjahr dieses Jahres präsentiert das Robert-Koch-Institut (RKI) die abschließende Fassung des Papiers.

Der Plan macht unmissverständlich deutlich: Eine Influenza kann verheerende Folgen haben. Zwischen 48.000 und 160.000 Menschen würden ohne weitere Vorsorgemaßnahmen sterben, errechnet das RKI. Die Virus-Überwachung müsse ausgebaut und die Infrastruktur, zum Beispiel Krankenhäuser und Arztpraxen, auf eine mögliche Grippe vorbereitet werden.

Das Mittel der Wahl gegen eine Influenza wäre ein Impfstoff. Doch der kann nicht im Voraus auf Verdacht produziert werden, da die verheerenden Grippewellen immer auf das Konto einer mutierten Variante des Virus gehen, gegen den die herkömmliche Grippeimpfung wenig oder gar nichts ausrichten kann. "Erst drei bis sechs Monate nach dem Ausbruch einer Epidemie könnte ein neues Mittel entwickelt sein", mahnt Bernhard Ruf, einer der Autoren des Pandemieplans. Doch selbst wenn das glückt, ist damit wenig gewonnen. "Die Produktionskapazitäten für die Vollversorgung der deutschen Bevölkerung mit einem Influenza-Impfstoff sind derzeit nicht vorhanden", heißt es lapidar im Pandemieplan der RKI. Gelänge es also tatsächlich, eine Vakzine zu entwickeln, könnte sie gegenwärtig gar nicht für alle hergestellt werden.

"Andere Länder etwa Norwegen und die Niederlande haben sich längst Produktionskapazitäten bei den Impfstoffherstellern reserviert. Der Bund muss hierzulande endlich aktiv werden und alles Entscheidende tun", fordert der amtierende Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz Werner Schnappauf (CSU) in einem Interview mit der Nachrichtenagentur ddp. Gegen Geld wären beispielsweise die Pharmahersteller bereit, ihre Produktionskapazitäten über die momentane Auslastung hinaus auszubauen, um im Notfall rasch mehr Impfstoff herzustellen. Auch Kanada und Amerika haben sich solche Notfall-Kapazitäten erkauft.

"Bis ein Impfstoff da ist, ist aber wahrscheinlich schon der Höhepunkt der Epidemie erreicht", stellt Ruf klar. "Im ersten halben Jahr kann man sich deshalb wirklich nur auf antivirale Medikamente verlassen." Der Pandemieplan empfiehlt, für 20 Prozent der Bürger antivirale Arzneimittel einzulagern, da sonst im Notfall nicht rasch genug ausreichend davon produziert werden kann. Doch über diese Empfehlung hat sich Deutschland hinweggesetzt. Die Bundesländer haben im Schnitt nur für jeden zehnten Bürger Medikamente geordert. "Wir erwarten, die erste Lieferung der antiviralen Medikamente Relenza und Tamiflu ab Anfang Dezember. Der übrige Teil wird dann gestaffelt im Lauf des nächsten Jahres eintreffen", teilt Schnappauf mit.

Die meisten anderen Länder sind da schon viel weiter: Frankreich, Belgien und die Niederlande haben zum Beispiel bereits 2000 ihre Bestellungen aufgegeben. In einer Befragung vom März 2005 gaben 13 EU-Mitgliedstaaten an, bereits einen staatlichen Vorrat an antiviralen Medikamenten angelegt zu haben. Ein Großteil der Länder hat dabei auch deutlich mehr Medikamente angefordert als Deutschland. Die Verantwortlichen müssten eines Tages den Menschen erklären, wer das Medikament bekomme, wer leer ausgehe und warum man zu wenig bestellt habe, mahnt Ruf.

"Der Bund hat sich weit zurückgelehnt und nichts getan", klagt Schnappauf. Die Länder seien dagegen in die Bresche gesprungen und hätten Vorsorge getroffen. "Im Fall einer Erkrankungswelle werden lokal bestimmte Krankheitsherde auftreten. Wir haben vereinbart, dass sich die Bundesländer im Sinne der Nachbarschaftshilfe dann gegenseitig aushelfen und der betroffenen Region Medikamente aus dem landeseigenen Vorrat zur Verfügung stellen", erklärt der Minister.

Die Experten üben dennoch Kritik an den bisherigen Bemühungen: Die Umsetzung des Pademieplanes sei völlig unzureichend, so Ruf. Aus Kostengründen werde gespart, während die Zeit davonläuft. Zugleich monieren die Experten vielfach, dass die Bundesländer auch das antivirale Arzneimittel Relenza bestellt hätten, obwohl es nicht das Mittel der Wahl sei. Das RKI hat in erster Linie Tamiflu gegen Grippeviren empfohlen. Im Gegensatz zu Tamiflu kann Relenza nur inhaliert werden und ist für Kinder unter zwölf Jahren gar nicht zugelassen. Es bekämpft zudem vorrangig Erreger in der Lunge, während sich Grippeviren je nach Typ mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in anderen Organen wie dem Gehirn und dem Herzmuskel einnisten. "Ich weiß nicht, was sich die Landesgesundheitsministerien dabei gedacht haben", kommentiert Kaplan. Relenza sei ausschließlich als Reservemedikament anzusehen.

Das Fazit von Ruf und seinen Kollegen fällt daher verheerend aus: Die Umsetzung des Pandemieplanes sei völlig unzureichend, so Ruf. Aus Kostengründen werde gespart, während die Zeit davonläuft.

ddp/wissenschaft.de – Susanne Donner

© wissenschaft.de, Konradin Relations GmbH 2006