Ursprung der Klatschkultur: Der Genuss der Frauen am Sprechen bei der Arbeit
Beim Klatsch handelte es sich um ein weibliches Genießen des Sprechens bei langwieriger, monotoner und teilweise sehr harter körperlicher Arbeit, die durch die Lust am Klatsch kompensiert wurde. Zu dieser ursprünglichen Definition von Klatsch gelangt Birgit Althans vom Institut für Allgemeine Pädagogik der Freien Universität Berlin in ihrer jetzt als Buch erschienenen Doktorarbeit.
ANZEIGE
Die "Ur-Szene", an die das lautnachahmende Wort Klatsch erinnert, sind die Waschplätze der Frauen. Hier wurden nicht nur mit weithin schallenden Schlägen die anstößigen Flecken aus der Wäsche, sondern auch arbeitsbegleitend "mit dem Maule gewaschen" und genüßlich über die Herkunft der Flecken spekuliert.
Männer wurden von diesen weiblichen Informationszentralen durch obszöne Gesten und die verbale und manuelle Schlagfertigkeit der Frauen ferngehalten, schreibt die Autorin. Der Kitzel des Waschplatzklatsches sollte allein den Frauen vorbehalten bleiben, die damit auch die soziale Kontrolle der sexuellen Angelegenheit bewahrten: Auf dem Waschplatz wurden junge Mädchen über die Geheimnisse der Sexualität aufgeklärt, hier erörterte man sexuelles Fehlverhalten oder uneheliche Schwangerschaften.
Der ins Auge fallende körperliche Genuss, den die Frauen beim Sprechen an den Tag legten, irritierte männliche Beobachter wie Luther oder die Aufklärer Diderot und Rousseau. Die "Sprech-Performance" widersprach in ihrem starkem Genuss-Aspekt nicht nur den Anforderungen der protestantischen Ethik auf eine maßvolle Lebensführung, sondern auch den Regeln des vernunftbetonten Informationsaustausches, des "nüchternen" Gesprächs.
Dieses wurde von Männern in ihren eigenen Informationszentralen gepflegt. Als Beispiel führt die Autorin die englischen Kaffeehäuser im achtzehnten Jahrhundert an. Dort wurden die neuen Welten der Finanzen, des Handels und der Politik besprochen und die neue "bürgerliche Öffentlichkeit" mit Nachrichten versorgt. Im Kaffeehaus entwickelte das starke Geschlecht die Gesten und Rituale, mit denen sie aus Gerüchten seriöse, "verlässliche" Nachrichten machen konnten.
Anders als beim Klatsch der Frauen war das Sprechen der Männer jedoch kein Reden bei der Arbeit, sondern das Sprechen war selbst die Arbeit. Die Männer waren bestrebt, das eigene Klatschverhalten durch die betonte Rationalisierung der Informationskultur zu maskieren und den Klatsch als spezifisch "weiblich" zu deklarieren
Gerade die Geschichte der Aufklärung zeigt, so Althans, dass auch Männer von jeher exzessiv klatschen. Dabei wird aber auch deutlich, dass sie sich das für den Klatsch so wichtige Genießen systematisch aberzogen haben, um die Fiktion des seriösen Sprechens zu erzeugen. Der Klatschaspekt von Information ist so nicht mehr erkennbar und der Klatsch kann nach Meinung von Althans gerade dadurch gefährlich werden. Althans Fazit: Identifizierbar ist der Klatsch nur durch den speziellen Genuss, der mit ihm einhergeht - und den erkennt man nur beim Klatsch von Frauen.
Birgit Althans: Der Klatsch der Frauen und das Sprechen bei der Arbeit, Campus Verlag, Frankfurt/New York, ISBN: 3-593-36633-9, 473 Seiten, 78,- DM
Irina Lorenz-Meyer

















