Erdbebenforscher - Genaue Vorhersagen nicht möglich
Ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben im
Nordwesten der Türkei ist die Region nach Angaben des Potsdamer
Erdbebenforschers Michael Baumbach weiterhin akut gefährdet. Bei der
Katastrophe am 17. August 1999 starben nach neuesten offiziellen
Angaben 17 840 Menschen. "Allen Experten ist klar, dass in dem Gebiet
immer wieder starke Beben zu erwarten sind", sagte Baumbach am
Mittwoch in einem dpa-Gespräch. "Aber den genauen Zeitpunkt, die
Stärke der Erdstöße und den Ort kann niemand voraussagen." In der
Türkei haben unterdessen die Gedenkfeiern für die Opfer der
Katastrophe begonnen.
Als die Marmararegion von dem Beben der Stärke 7,4 auf der
Richterskala erschüttert wurde, reiste Baumbach mit Experten der
"Task Force Erdbeben" am Geoforschungszentrum Potsdam (GFZ) in das
Gebiet. Um gut einen Meter, an manchen Stellen sogar mehr als fünf
Meter, habe sich die Erdkruste entlang der Verwerfung verschoben.
Noch fünf Monate nach dem Beben sammelten die Forscher in der Region
Daten, die vielleicht einmal dazu dienen könnten, die Vorzeichen von
Beben zu erkennen. Mit modernster Technik untersuchten sie das
Gestein.
Diese und andere Daten könnten eines Tages verlässliche Aussagen
über den Zustand der Erdkruste ermöglichen, hofft Baumbach. "Bei
jedem Erdbeben lernen wir dazu." In der Region verkeile sich immer
wieder die nach Westen wandernde Anatolische Platte im Eurasischen
Kontinent. Die Spannung zwischen den Erdplatten löse sich in
gewaltigen Erdstößen. Da an eine verlässliche Vorhersage von Erdbeben
in absehbarer Zeit nicht zu denken sei, müssten sich die
Wissenschaftler auf die kurzfristige Warnung konzentrieren.
Ein Frühwarnsystem für den stark bedrohten Ballungsraum Istanbul,
in dem rund 15 Millionen Menschen leben, befinde sich derzeit im
Aufbau. "Weil die Erdbebenwelle mit rund sechs Kilometer pro Sekunde
durch das Gestein jagt, bleiben den Menschen aber nur wenige Sekunden
Zeit, ihre Häuser zu verlassen und Schutz zu suchen", sagte der
Forscher. Im Istanbuler Stadtteil Avcilar, der bei dem Beben vor
einem Jahr stark verwüstet worden war, fand am Mittwoch eine
Trauerfeier statt. Rund 150 Menschen legten für die Erdbebenopfer
Blumen nieder, berichtete der private türkische Fernsehsender NTV.
Auch in der Nacht und am Donnerstag sind in der Marmararegion
zahlreiche Gedenkfeiern geplant. So sollen die Menschen am 17. August
zum Zeitpunkt des Bebens um 03.02 Uhr morgens die Lichter einschalten
und auf die Straßen gehen. Außerdem sollen die Bürger ihre Häuser
schwarz beflaggen, Trauerflor an den Autos befestigen und selbst
schwarz tragen. Die Kampagne von mehr als 40 zivilen Organisationen
heißt: "Schlafe nicht Türkei, auch ich schlafe nicht."
dpa und bdw

















