Forscher: Freie Radikale zu Unrecht verdächtigt
Gewagte These: Nicht die reaktiven Sauerstoffspezies, sondern eine Protease-Reaktion schädigt das Gewebe
Britische Forscher zweifeln die schädliche und daher krankmachende Wirkung freier Radikale an. Die aggressiven Sauerstoffverbindungen gelten als Hauptverursacher des Alterns und verschiedener Krankheiten wie Arthritis, Parkinson und einiger Krebsarten. Anthony Segal und seine Kollegen vom University-College in London sind jedoch aufgrund der Ergebnisse ihrer Forschung überzeugt, dass die Radikale nur Nebenprodukte der Reaktion sind, die den eigentlichen Schaden an verschiedenen Zellen des Körpers verursacht. Ihre These stellen die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Nature vor (Bd. 427, S. 853).
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Nach Ansicht von Studienleiter Segal beruht der Glaube an die Gefährlichkeit freier Radikale auf einem Irrtum: "Weiße Blutkörperchen produzieren freie Radikale, und der Prozess, bei dem diese Teilchen entstehen, ist entscheidend für das Abtöten von Mikroben. Menschen, bei denen dieser Mechanismus gestört ist, bekommen viel schneller schwere chronische und häufig sogar tödliche Infektionen. Diese Fakten haben zu der Annahme geführt, dass die freien Radikale die Mikroben töten. Und wenn sie Organismen töten können, die so unempfindlich sind wie Bakterien oder Pilze, müsste es ihnen ja auch ein Leichtes sein, menschliches Gewebe zu zerstören."
Die Arbeit seiner Gruppe habe jedoch diese Theorie zerschmettert, schreibt Segal. Seiner Ansicht nach sind die reaktiven Teilchen nur zufällige Nebenprodukte des Vorgangs, der eine ganze Kette von Reaktionen anstößt, die schließlich den eigentlich entscheidenden Mechanismus auslösen. Schlüsselfaktor beider Theorien ist das Enzym NADPH-Oxidase, das Elektronen auf molekularen Sauerstoff überträgt. Dabei entsteht das so genannte Superoxidanionradikal, ein ziemlich reaktives Teilchen, das eine negative Ladung trägt. Während die gängige Vorstellung davon ausgeht, dass diese Teilchen und ihre Zerfallsprodukte Biomoleküle zerstören und dadurch Mikroben töten können, konzentrieren sich Segal und sein Team auf die Folgen der Elektronenübertragungsreaktion.
Dadurch entstehe innerhalb der Zelle eine alkalische Umgebung und ein Überschuss an negativen Ladungen, der durch das Einströmen von positiven Kaliumionen ausgeglichen werde. Diese Bedingungen führen dann nach Angaben der Wissenschaftler zur Aktivierung einer so genannten Protease, eines Enzyms, das andere Eiweiße angreifen und zerstören kann. Diese Protease schließlich töte die Mikroorganismen. Reguliert werde dieser Mechanismus mithilfe eines speziellen Kanals in der Zellmembran, der die Menge der geladenen Teilchen innerhalb der Zelle kontrolliere. Eine Blockierung dieses Kanals zerstöre die Fähigkeit der Zelle, Mikroben zu bekämpfen, während eine verstärkte Kanalaktivität diese Fähigkeit verbessere.
Sollte sich diese Theorie tatsächlich durch weitere Untersuchungen bestätigen lassen, würde das eine Revolution in der Medizin bedeuten: Die Behandlung vieler Krankheiten müsste von Grund auf neu überdacht und auch die Empfehlungen für gesunde Ernährung und eine Nahrungsergänzung durch Antioxidantien müssten in Frage gestellt werden.
Ilka Lehnen-Beyel

















