Was Mäuse und Menschen vergesslich macht
Proteinsynthese ist entscheidend für die Neubildung und das Abrufen von Erinnerungen
Wer sich nicht an einen eigentlich bekannten Namen oder an eine Telefonnummer erinnern kann, bei dem könnte die Bildung von Eiweißstoffen im Gehirn kurzfristig gestört sein. Das legt eine Studie amerikanischer Wissenschaftler an Mäusen nahe.
Matthew Lattal und Ted Abel von der Universität von Pennsylvania hatten untersucht, wie eine Unterdrückung dieser Eiweißsynthese im Gehirn das Erinnerungsvermögen beeinflusst. Ihre Ergebnisse widerlegen außerdem die häufig diskutierte These, dass Erinnerungen bei jeder Abfrage im Gehirn ganz neu gespeichert werden müssen. Das berichten die Forscher in der Fachzeitschrift PNAS (Online-Vorabveröffentlichung, DOI:10.1073/pnas.0306546101).
ANZEIGE
Wenn Erinnerungen abgefragt werden, müssen im Gehirn neue Eiweißstoffe gebildet werden. Eine Störung dieser Eiweißsynthese verhindert den Zugriff auf die Gedächtnisinhalte. Einige Forscher hatten darum den Standpunkt vertreten, dass bei jeder Abfrage die Informationen wieder in denselben labilen Zustand geraten, in dem sie sich befinden, wenn sie das erste Mal im Gedächtnis abgelegt werden. Bei einigen Untersuchungen wurden Erinnerungen jedoch nach einiger Zeit wieder zugänglich, obwohl die Eiweißsynthese zuvor gestört war. Lattal und Abel konnten nun zeigen, dass die Bildung von Eiweißen beim Abrufen von Erinnerungen eine andere ist als beim ersten Speichern einer Information.
Die amerikanischen Forscher brachten dazu Mäusen bei, dass sie in einem bestimmten Käfig einen kurzen Stromstoß in die Füße bekommen. Nachdem die Mäuse das gelernt hatten, wurden sie am nächsten Tag erneut in diesen Käfig gebracht. Die Tiere waren stets ängstlich, es sei denn, sie hatten unmittelbar zuvor eine Injektion von Anisomycin erhalten. Dieser Stoff verhindert die Bildung von Eiweißen. Drei Wochen später zeigten jedoch auch die so behandelten Mäuse wieder Angst: Ihre Erinnerung an den Schmerzreiz war zurückgekehrt. Wurde den Mäusen das Anisomycin direkt nach der Dressur verabreicht, konnten sie sich dagegen weder am nächsten Tag noch drei Wochen später an die Elektroschocks erinnern.
Lattal und Abel schließen aus ihren Experimenten, dass beim Abrufen von Erinnerungen die ursprünglich gespeicherte Information im Gedächtnis unverändert bleibt. Das Abrufen von Gedächtnisinhalten ist zwar ebenso mit der Bildung von Eiweißen verbunden wie die erste Speicherung der Informationen im Gedächtnis. Die jeweiligen Formen der Eiweißsynthese müssen jedoch unterschiedlich sein.
ddp/bdw – Thomas Kappe

















