Die zwei Gesichter von "am"
Sprachverarbeitung im Gehirn hängt davon ab, ob die Präposition in räumlichem oder zeitlichem Zusammenhang steht
Ein und dasselbe Wort kann je nach seiner Bedeutung in unterschiedlichen Gehirnbereichen verarbeitet werden. So hängt beispielsweise die Verarbeitung des Wortes "am" davon ab, ob es sich um eine Zeitangabe wie "am Montag" oder eine Ortsangabe wie "am Bahnhof" handelt. Das hat ein amerikanischer Neurolinguist entdeckt, als er mit vier Schlaganfallpatienten Sprachtests durchführte. Je nachdem, welche Gehirnbereiche bei den Probanden geschädigt waren, konnten sie nur noch die zeitliche oder nur noch die räumliche Bedeutung der Präposition erfassen. Das berichtet David Kemmerer von der Purdue-Universität in West Lafayette in der Fachzeitschrift Neuropsychologia (Online-Vorabveröffentlichung, DOI: 10.1016/j.neuropsychologia.2004.06.025).
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In sehr vielen Sprachen gibt es Präpositionen, die sowohl für Zeit- als auch für Ortsangaben verwendet werden. Dieser Entwicklung liegt nach Ansicht von Linguisten das Konzept zugrunde, dass sich Menschen die Zeit prinzipiell als einen Raum und zeitlich aufeinanderfolgende Ereignisse als Punkte auf einer Linie vorstellen. Die Verwendung der ortbestimmenden Präpositionen für zeitliche Zusammenhänge ist demnach eine bildliche Umsetzung dieser Vorstellung.
Aus diesem Grund vermutete Kemmerer, dass eine Schädigung der Gehirnbereiche, die räumliche Zusammenhänge verarbeiten, sowohl das Verständnis von Konstruktionen wie "am Bahnhof" als auch das von "am Montag" stört. Um das zu überprüfen, ließ er seine vier Probanden in kurzen Sätzen die entsprechenden Präpositionen ergänzen. Überraschenderweise war jedoch in keinem Fall das räumliche und das zeitliche Sprachverständnis beeinträchtigt: Zwei der Probanden konnten nur räumliche Präpositionen zuordnen und die anderen beiden nur zeitliche.
Offenbar werden Zeitangaben und Ortsangaben unabhängig voneinander verarbeitet, obwohl die gleichen Worte benutzt werden, schließt Kemmerer aus diesem Ergebnis. Demnach muss bei einer Zeitangabe nicht jedes Mal die räumliche Assoziation hergestellt werden, wie Sprachforscher bislang glaubten.
ddp/wissenschaft.de – Ilka Lehnen-Beyel

















