Liebe macht Mottenmännchen taub
Auf dem Weg zu einer potenziellen Partnerin ignorieren die Insekten sogar Schreie von Fledermäusen
Liebe kann nicht nur blind, sondern auch taub machen: Wenn Mottenmännchen den Duft eines Weibchens erschnuppern, reagieren sie praktisch nicht mehr auf Geräusche – nicht einmal auf solche, die sie vor einer drohenden Gefahr warnen. Das haben schwedische Biologen bei Versuchen mit nachtaktiven Mottenmännchen beobachtet. Je intensiver der Geruch des Weibchens dabei war, desto weniger kümmerten sich die Tiere um simulierte Fledermausschreie. Niels Skals von der Universität in Lund und seine Kollegen beschreiben ihre Ergebnisse im Fachmagazin Journal of Experimental Biology (Bd. 208, S. 595).
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Die zu den Nachtfaltern gehörende Ägyptische Baumwolleule Spodoptera littoralis verlässt sich praktisch ausschließlich auf ihren Hör- und Geruchssinn, um potenzielle Partner oder herannahende Fledermäuse, die größte Gefahrenquelle, aufzuspüren. Nehmen die Insekten jedoch den aufreizenden Duft eines Weibchens und einen Fledermausschrei gleichzeitig wahr, stecken sie in einer Zwickmühle: Fliehen sie vor dem Räuber, entgeht ihnen eine Gelegenheit zur Paarung – was sie sich bei einer Lebenserwartung von nur zwei Wochen schlecht leisten können. Entscheiden sie sich dagegen für eine Paarung, laufen sie Gefahr, von der Fledermaus gefressen zu werden.
Um zu untersuchen, unter welchen Bedingungen sich die Insekten für welche Alternative entscheiden, setzten die Wissenschaftler ihre Testmotten in einen Luftstrom, der mit den Lockstoffen eines Weibchens angereichert war. Während sich die Männchen dann in Richtung der vermeintlichen Partnerin bewegten, spielten die Forscher einen aufgezeichneten Fledermausschrei ab und beobachteten das Verhalten der Insekten. Nur unter zwei Voraussetzungen zeigten die Motten Fluchtverhalten: wenn der Weibchenduft sehr schwach oder die Fledermausschreie extrem laut waren. Unter allen anderen Bedingungen liefen die Männchen unbeirrt weiter auf die Duftquelle zu.
Offenbar wägen die Tiere anhand der Intensität von Geräusch und Duft ab, welche Strategie ihnen mehr einbringt, schreiben die Forscher. Ist der Weibchenduft sehr intensiv, muss die potenzielle Partnerin ganz nah sein und eine erfolgreiche Paarung rückt in greifbare Nähe. In diesem Fall gehen die Motten ein höheres Risiko ein, und die akustischen Warnsignale treten in den Hintergrund. Ist dagegen ein Fledermausschrei sehr laut, befindet sich die Bedrohung durch den Räuber in unmittelbarer Nähe. Unter dieser Voraussetzung macht es wenig Sinn, sich weiter in Richtung des Weibchens zu bewegen – denn wenn das Männchen vorher von einer Fledermaus gefressen wird, kann es sich sicher nicht mehr paaren.
ddp/wissenschaft.de – Ilka Lehnen-Beyel

















