Der Moment der Erkenntnis
Sehen und Erkennen passieren im Gehirn gleichzeitig
Für das menschliche Gehirn ist Sehen gleich Erkennen: In dem Moment, in dem es die Anwesenheit eines Objekts wahrnimmt, weiß es schon, ob es sich dabei beispielsweise um einen Vogel oder ein Auto handelt. Diese überraschende Entdeckung haben zwei Psychologinnen bei Wahrnehmungstests mit 66 Probanden gemacht. Bislang waren Forscher davon ausgegangen, dass das Gehirn zuerst ein dargestelltes Objekt von seinem Hintergrund trennen muss, bevor es den Gegenstand klassifizieren kann. Über ihre Arbeit berichten Kalanit Grill-Spector von der Stanford-Universität und Nancy Kanwisher vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in der Fachzeitschrift Psychological Science (Bd. 16, Nr. 2, S. 152).
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Die Wissenschaftlerinnen zeigten ihren Probanden für wenige Sekundenbruchteile Fotos, auf denen entweder ein graues Muster oder unterschiedliche Vögel, Hunde, Autos, Musikinstrumente, Gesichter und ähnliches dargestellt waren. Die Teilnehmer bekamen unterschiedliche Aufgaben: Sie sollten angeben, ob sie überhaupt ein Objekt auf dem Bild gesehen hatten, zu welcher Gruppe – Vögel, Hunde, Autos und so weiter – ein möglicherweise vorhandenes Objekt gehörte oder um welches Objekt es sich genau handelte, beispielsweise ob der dargestellte Hund ein Schäferhund war oder nicht. Während der Tests bestimmten die Forscherinnen, wie viele richtige Antworten die Probanden gaben und wie lange sie für ihre Bewertung brauchten.
Die Probanden konnten genauso schnell erkennen, ob etwas auf den Bildern abgebildet war, wie um welche Sorte Objekt es sich dabei handelte, ergab die Auswertung. Die genauere Identifizierung dauerte dagegen in allen Fällen deutlich länger. Offenbar muss dem Erkennen nicht unbedingt die Trennung von Hintergrund und Objekt vorangehen, schließen die Psychologinnen aus diesen Ergebnissen. Vielmehr scheint die erste bewusste Wahrnehmung direkt mit dem Erkennen gekoppelt zu sein und möglicherweise sogar auf dem gleichen Mechanismus zu basieren.
Die Forscherinnen stellen sich diese Kopplung so vor: Ein im Gehirn ankommendes Bild wird mit abgespeicherten Fragmenten verglichen. Passt es zu einer solchen Schablone, weiß das Gehirn nicht nur, dass der passende Teil des Bildes kein Hintergrund ist, sondern gleichzeitig auch, in welche Schublade es das Bildfragment stecken muss. Auf diese Weise werde die Verarbeitungsgeschwindigkeit insgesamt erhöht, da zur genauen Identifizierung des Objektes nur noch eine begrenzte Anzahl von Möglichkeiten durchgespielt werden müsse, schreiben Grill-Spector und Kanwisher. Sie wollen als nächstes die Aktivität der verschiedenen an der Wahrnehmung beteiligten Gehirnzentren messen, um ihre These zu bestätigen.
ddp/wissenschaft.de – Ilka Lehnen-Beyel

















