Was Gesichter und Wörter gemeinsam haben
Forscher: Bei der Wahrnehmung setzt das Gehirn beide aus ihren Einzelteilen zusammen
Menschen nehmen Gesichter und Wörter auf die gleiche Weise wahr: Sie erkennen die einzelnen Teile und setzen daraus das Gesamtbild zusammen. Das schließt ein amerikanisches Forscherteam aus den Ergebnissen einer Studie mit sieben Probanden. Die Teilnehmer konnten dabei einzelne Buchstaben innerhalb des Wortes und die Lippenform innerhalb eines Gesichts schlechter identifizieren, als wenn die Teile isoliert dargestellt waren. Mit ihrer These widersprechen die Wissenschaftler der bislang favorisierten Theorie, dass Gesichter als Ganzes und Wörter in Einzelteilen wahrgenommen werden. Marialuisa Martelli und ihre Kollegen von der New-York-Universität beschreiben ihre Ergebnisse in der Fachzeitschrift Journal of Vision (Bd. 5, S. 58).
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Die Frage, ob ein Objekt als Ganzes oder als Summe seiner Teile wahrgenommen wird, beschäftigt Psychologen bereits seit langem. Von besonderem Interesse sind dabei die Vorgänge bei der Gesichtserkennung, die nach neueren Erkenntnissen eine Sonderstellung einnimmt: Während beispielsweise Wörter, Gebäude und die meisten Gegenstände erst im Gehirn aus ihren Einzelteilen zusammengesetzt werden, scheint es für Gesichter eine speziell angepasste Region im Gehirn zu geben, die sie vollständig erfasst. Kritiker dieser Theorie vermuten jedoch, dass die Gehirnregion nicht auf Gesichter, sondern auf Spezialwissen ausgerichtet ist und Gesichter in diese Kategorie gehören, weil der Mensch ihre Erkennung seit frühester Kindheit ständig übt.
Für ihre neue Untersuchung baten Martelli und ihr Team die Probanden, sich auf einen schwarzen Punkt in der Mitte eines Bildschirms zu konzentrieren. Neben diesem Punkt erschien dann ein isolierter Buchstabe und ein Wort, in dem der gleiche Buchstabe von zwei anderen flankiert war. Während die Teilnehmer die einzelnen Buchstaben problemlos erkannten, erschwerten die flankierenden Buchstaben dessen Erkennung deutlich. Erst wenn sie in einem bestimmten Abstand vom Zielbuchstaben angeordnet waren, konnten die Probanden diesen leicht identifizieren.
Den gleichen Test führten die Forscher anschließend auch mit Bildern von Gesichtern durch. Dabei erschien auf der einen Seite neben dem Fixierungspunkt ein komplettes Gesicht und auf der anderen ein Paar Lippen, das entweder lächelte oder grimmig verzogen war. Auch hierbei identifizierten die Probanden den Ausdruck der Lippen leichter, wenn sie sich nicht in dem Gesicht befanden. Waren die einzelnen Teile des Gesichts jedoch künstlich auseinander gezogen, gelang den Probanden die Identifizierung genauso gut wie bei den isolierten Lippen. Diese Übereinstimmung von Wort- und Gesichtserkennung werten die Forscher als eindeutiges Zeichen dafür, dass auch bei Gesichtern die einzelnen Teile wie Augen, Nase, Mund und Umriss wahrgenommen und erst im Gehirn zusammengesetzt werden.
ddp/wissenschaft.de – Ilka Lehnen-Beyel

















