Wie ein Gen die Neigung zu Depressionen erhöht
Gestörter Schaltkreis führt dazu, dass Hirnregion auf unangenehme Umwelteindrücke überreagiert
Amerikanische Forscher haben entdeckt, warum Menschen mit einer bestimmten Genvariante anfälliger für Depressionen sind: In ihrem Gehirn ist ein wichtiger Schaltkreis unterbrochen, der für die Verarbeitung negativer Erlebnisse zuständig ist. Normalerweise sorgt diese Verschaltung dafür, dass die Hirnregion, die durch unangenehme Umwelteindrücke aktiviert wird, nicht überreagiert. Ist die Kopplung jedoch gestört, fehlt der dämpfende Effekt und das Gehirnareal wird übersensibel. Die Folge ist ein reizbares, ängstliches Naturell, was das Risiko für die Entwicklung einer Depression deutlich erhöht.
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Das Gen trägt die Informationen für einen so genannten Transporter – ein Molekül, das für die Verteilung des Botenstoffs Serotonin im Gehirn verantwortlich ist. Dieses Gen existiert in einer kurzen und einer langen Variante, die sich durch ihre Aktivität unterscheiden: Bei Menschen mit der kurzen Form wird weniger vom Serotonintransporter gebildet als bei Menschen mit der langen Version. Die kurze Genvariante ist bereits in früheren Studien mit einer erhöhten Anfälligkeit für Depressionen in Verbindung gebracht worden. Welche Veränderungen sie jedoch genau im Gehirn verursacht, war bislang nicht bekannt.
Offenbar beeinflusst die kurze Variante die Struktur, die Funktion und die Quervernetzung zwischen zwei Schlüsselregionen der Gefühlsverarbeitung, entdeckten nun die Forscher. Sie analysierten Aufnahmen mit funktioneller Magnetresonanztomographie von 114 gesunden Freiwilligen und setzten die Ergebnisse mit der genetischen Ausstattung der Probanden in Beziehung. Teilnehmer mit der kurzen Genform hatten weniger graue Substanz und damit weniger Nervenzellen in der Amygdala, auch Mandelkern genannt, und dem so genannten vorderen cingulären Cortex. Außerdem war die neuronale Verdrahtung zwischen diesen beiden Hirnregionen gestört: Während bestimmte Angstreize bei Probanden mit der langen Genvariante beide Areale parallel aktivierten, war die Reaktion bei Trägern der kurzen Form nicht besonders gut koordiniert.
Wahrscheinlich beeinflusst das Transportergen schon während der Entwicklung Aufbau und Verdrahtung der beiden Hirnregionen, schließen die Forscher. Der cinguläre Cortex reguliert dabei die Aktivität der Amygdala und bremst sie beizeiten aus. Ist diese Rückkopplung jedoch nicht richtig entwickelt, wie es bei den Trägern der kurzen Genvariante der Fall ist, funktioniert dieser hemmende Mechanismus nicht und die Amygdala bleibt ständig aktiviert. Die Folge: Unangenehme Umwelteindrücke verursachen eine anhaltende negative Stimmung und das Risiko für Depressionen wächst.
Lukas Pezawas (National Institute of Health, Bethesda) et al.: Nature Neuroscience, Online-Vorabveröffentlichung, DOI: 10.1038/nn1463
ddp/wissenschaft.de – Ilka Lehnen-Beyel

















