Keine Gezeiten vor Urzeiten
Ebbe und Flut gab es in den Flachmeeren des Paläozoikums nicht
Vor 300 Millionen Jahren, im Erdzeitalter Karbon, bedeckte ein flaches Meer das heutige Nordwesteuropa. Es dürfte aber eher einem großen Salzsee als einem Meer geähnelt haben, berichten Forscher um Martin Wells vom Imperial College London in der Zeitschrift Journal of the Geological Society. Zwischen Ebbe und Flut schwankte der Meeresspiegel nur um wenige Zentimeter, berechneten die Forscher mit einem Computermodell.
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In der Erdgeschichte lag der Meeresspiegel in vielen Perioden wesentlich höher als heute. In diesen Zeiten überfluteten ausgedehnte Flachmeere die Kontinente. Unter Geologen wird heftig darüber diskutiert, wie stark die Gezeiten in diesen Meeren waren. Ein heutiges Beispiel gibt es für solche Gewässer nicht.
Wells und seine Kollegen berechneten den Tidenhub daher für mehrere Urmeere mit einem Computermodell, das sie zuvor am Beispiel des Mittelmeeres überprüft hatten. Sie stellten fest, dass zum Beispiel in dem Meer, das Nordwesteuropa im Oberkarbon bedeckte, etwa fünf Zentimeter Unterschied zwischen Ebbe und Flut auftrat. Lediglich in trichterförmigen Mündungen großer Flüsse könnten sich die Meeresströmungen so überlagert haben, dass der Tidenhub bis zu zehn Zentimeter betrug, worauf Gesteine aus dem Oberkarbon aus England hindeuten.
Der Tidenhub in den uralten Meeren ist nicht nur von akademischem Interesse: Starke Gezeiten tragen zur Durchmischung des Wassers bei, durch die Sauerstoff in tiefere Wasserschichten gelangt. In einem Meer ohne Gezeiten könnte sich leichter eine feste Schichtung ausbilden. In den tieferen Wasserschichten herrscht unter solchen Bedingungen oft Sauerstoffmangel. Das fördert wiederum die Ablagerung von Sedimenten mit einem hohen Anteil an organischen Stoffen. Daraus können später Kohlenwasserstoffe entstehen – oder Kohle, wie in Nordwesteuropa im Karbon.
Martin Wells et al.: "Large sea, small tides: The Late Carboniferous seaway of NW Europe", Journal of the Geological Society, 2005, vol. 162, Nr. 3, S. 417-420
Ute Kehse

















