Freie Jugend, geregeltes Alter
Kanarienvögel programmieren im Alter ihren Gesang so um, dass er bestimmten Regeln folgt
Junge Kanarienvögel haben alle Freiheiten – zumindest, was das Singenlernen angeht: Sie können sich künstliche Tonfolgen ebenso gut aneignen wie ihren natürlichen Gesang. Mit dieser Freiheit ist es jedoch vorbei, wenn der Ernst des Lebens beginnt, haben amerikanische Forscher entdeckt. In dem Moment, wo die Tiere geschlechtsreif werden, verändern sie ihre Gesangsstruktur und passen sie den typischen Regeln des Kanariengesangs an.
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Normalerweise lernen junge Kanarienvögel ihre Lieder, indem sie den Gesang älterer Artgenossen kopieren. Doch auch die Melodien in Gefangenschaft aufgewachsener Tiere, die sich nicht an erwachsenen Vögeln orientieren konnten, ähneln den typischen Kanarienvogelgesängen. Bereits seit längerer Zeit vermuten Wissenschaftler daher, dass es bei den Tieren ein internes Programm gibt, in dem die Struktur und die Art des Gesangs festgelegt sind.
Um zu klären, wie die Tiere ihre Lieder lernen, zogen die Forscher um Timothy Gardner 16 männliche Kanarienvögel in schalldichten Käfigen auf. Ab einem Alter von 25 Tagen bekamen die Vögel ein Jahr lang täglich computererzeugte Gesänge zu hören, die stark von natürlichem Kanariengezwitscher abwichen: Statt der natürlichen Tonabfolge AAAAA BBBBB CCCCC mit der typischen Wiederholung gleicher Töne hörten die Vögel beispielsweise die Sequenz ABCDE, die im Repertoire erwachsener Kanarienvögel nicht vorkommt. Während dieser Periode zeichneten die Wissenschaftler ständig den Gesang der jungen Vögel auf.
Während der ersten Monate ließen sich die heranwachsenden Kanarienvögel tatsächlich von den künstlichen Liedern inspirieren und lernten, erstaunlich lange Sequenzen nachzusingen. Das änderte sich jedoch, als die sexuelle Reife der Tiere nahte: Mit den steigenden Testosteronspiegeln der Pubertät programmierten die Vögel ihren Gesang vollständig um. Einige der zuvor ständig verwendeten Gesangselemente verschwanden, und andere wurden so umstrukturiert, dass sie den häufig wiederholten Tönen des natürlichen Gesangs glichen. Doch die erlernten Töne verschwanden nicht vollständig aus dem Gedächtnis der Tiere: Einige sangen als Erwachsene von Zeit zu Zeit Fragmente der Lieder, die sie als Jugendliche gelernt hatten.
Offenbar ist demnach das Erlernen des Gesangs im Vogelhirn nicht direkt mit den Regeln gekoppelt, denen die Lieder erwachsener Vögel folgen müssen, schreiben die Forscher. Die Umprogrammierung erinnert ihrer Ansicht nach dabei an die Flexibilität, mit der Menschen beim Erlernen einer fremden Sprache Laute neu kombinieren. Dass Vögel zum Singenlernen eine solch aufwändige Lerntaktik verwenden, war bislang nicht bekannt.
Timothy Gardner et al. (Rockefeller-Universität, New York): Science, Bd. 308, S. 1046
ddp/wissenschaft.de – Ilka Lehnen-Beyel

















