Nobelpreis für Medizin 2005: Wie das Feuer in den Magen kommt
Ausgezeichnet werden die Australier Barry Marshall und J. Robin Warren für die Entdeckung des Bakteriums Helicobacter pylori und seiner Rolle bei der Entstehung von Gastritis
Den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin teilen sich in diesem Jahr der 69-jährige Pathologe J. Robin Warren aus Perth und der 54-jährige Barry Marshall von der University of Western Australia, ebenfalls in Perth. Anfang der 80er Jahre hatten die beiden Mediziner entdeckt, dass die Ursache für die meisten Magenschleimhautentzündungen nicht Stress oder eine falsche Ernährung sind, sondern ein ungewöhnliches, gekrümmtes Bakterium namens Helicobacter pylori. Obwohl zuerst kaum jemand diese These ernst nahm, gelang es Warren und Marshall im Lauf der Zeit – unter anderem durch schmerzhafte Selbstversuche – eindeutig zu belegen, dass die säureresistenten Keime neben der Gastritis etwa 80 Prozent aller Magen- und mehr als 90 Prozent aller Zwölffingerdarmgeschwüre auslösen.
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Vor der nun mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Entdeckung der Helicobacter-Bakterien wurden Magenbeschwerden behandelt, indem die Säureproduktion im Magen unterdrückt wurde. Obwohl diese Therapie in vielen Fällen die Probleme beseitigte, erlitt ein hoher Anteil der Patienten einen Rückfall, ein Phänomen, dass sich die Mediziner nicht erklären konnten. Anfang der 80er Jahre stieß Robin Warren bei seiner Arbeit jedoch auf eine mögliche Erklärung: Er entdeckte in etwa der Hälfte aller Biopsien der Magenschleimhaut, die er als Pathologe untersuchte, kleine, gekrümmte Bakterien, die besonders den unteren Bereich des Magens besiedelten. Und praktisch überall dort, wo die Mikroben anzutreffen waren, gab es auch Anzeichen einer Entzündung – für Warren ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Keime irgendwie an der Entstehung dieser Entzündungen beteiligt waren.
Zusammen mit seinem Kollegen Barry Marshall gelang es Warren 1982 schließlich, die Bakterien auch im Labor zu kultivieren. Doch seine Kollegen waren noch nicht überzeugt. Ein Bakterium könne nie und nimmer in der unwirtlichen Umgebung des Magens mit seinem extrem niedrigen pH-Wert überleben oder sich gar vermehren, lautete eins der Hauptargumente. Dem konnten Warren und Marshall jedoch schnell den Boden entziehen: Marshall schluckte die Bakterien – und entwickelte innerhalb weniger Tage eine akute Gastritis, die tatsächlich auf eine Besiedelung der Magenschleimhaut durch die Keime zurückzuführen war.
Auf der Basis dieser Entdeckung konnten Warren, Marshall und andere Arbeitsgruppen während der folgenden Jahre auch die Überlebensstrategie und den Mechanismus der Entzündungsreaktion aufklären. Die Bakterien besitzen ein Enzym, das in der sauren Umgebung der Magenschleimhaut basisches Ammoniak produziert und auf diese Weise die Säure neutralisiert. Das ruft wiederum das Immunsystem auf den Plan, das verschiedene Verteidigungszellen losschickt. Diese Zellen sterben jedoch in der sauren Magenschleimhaut und setzen dabei entzündungsfördernde Substanzen frei, die dann die Gastritis auslösen. Als Reaktion auf diese chronische Entzündung im unteren Bereich des Magens produziert der obere Teil des Magens vermehrt Säure, was im empfindlichen Zwölffingerdarm die Entwicklung von Geschwüren begünstigt.
Doch obwohl Wissenschaftler schon vieles über den Erreger wissen, bleiben noch viele Fragen offen. So ist zwar etwa die Hälfte der Weltbevölkerung mit Helicobacter pylori infiziert, es entwickeln jedoch nur etwa 10 bis 15 Prozent der Infizierten tatsächlich Symptome. Ein Faktor dabei scheint zu sein, welcher Stamm sich im Magen einnistet, ein anderer die genetische Veranlagung des Infizierten. Auch wie die Infektionen genau übertragen werden, ist bislang nicht geklärt. Als wahrscheinlich gelten hierbei frühkindliche Kontakte zur Mutter oder zu anderen infizierten Kindern.
Dank der Entdeckung von Warren und Marshall können heute Helicobacter-Infektionen mithilfe von Antikörpertests, durch die histologische Identifizierung der Bakterien in Biopsien oder durch einen Atemtest zweifelsfrei nachgewiesen werden. Die Entwicklung einer Kombinationstherapie, in der drei verschiedene Antibiotika mit einem Säureblocker kombiniert werden, hat schließlich dazu geführt, dass Gastritis und Magengeschwüre keine chronischen Krankheiten mit einem erhöhten Krebsrisiko mehr sind, sondern durch eine kurze Behandlung geheilt werden können.
Ilka Lehnen-Beyel

















