Fairer Handel auch beim Liebesspiel
Bei Seeschnecken funktioniert die Paarung nur, wenn es ein Geben und Nehmen gibt
Seeschnecken lösen den Geschlechterkonflikt ihres Zwitter-Daseins, indem sie fairen Handel mit ihrem wertvollen Sperma betreiben: Beide Partner geben bei der Paarung Sperma an den jeweils anderen ab. Betrüger, die sich nicht an diese Regel halten, bestrafen die Schnecken mit vorzeitiger Beendigung des Geschlechtsverkehrs. Dieses Verhalten hat ein Forscherteam um Nils Anthes von der Universität Tübingen erstmals im Labor an der tropischen Meeresschnecke Chelidonura hirundinina beobachtet.
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Das Dasein als Zwitter bringt für die Schnecke die ständig wiederkehrende Frage mit sich, in welcher geschlechtlichen Rolle sie sich jeweils paaren soll – sie kann schließlich sowohl die weibliche als auch die männliche Rolle übernehmen. Allerdings sind die Rollen bei der tropischen Meeresschnecke C. hirundinina mit unterschiedlichem Energieaufwand verbunden: Es ist für den Organismus teurer, den männlichen Part zu übernehmen als den weiblichen. Sperma ist daher außerordentlich wertvoll und es ist für jede Schnecke von größerem Vorteil, Sperma zu empfangen als abzugeben.
Aus dieser Ungleichheit der Geschlechter müsste theoretisch ein unlösbarer Konflikt im Paarungsverhalten der Schnecken erwachsen, weil beide Partner anstreben, die weibliche Rolle zu übernehmen. Dieses Dilemma kann jedoch umgangen werden, wenn beide Parteien bei der Paarung Sperma austauschen. Wissenschaftler stellten deshalb schon vor 20 Jahren die Theorie auf, dass der Handel mit Sperma bei Zwittern auf Gegenseitigkeit beruht. Nun ist es Nils Anthes und seinen Kollegen erstmals gelungen, diese These zu belegen.
Die Forscher beobachteten das Paarungsverhalten von mehr als 200 Meeresschnecken der Art C. hirundinina. Sie hatten allerdings bei 50 Schnecken die Spermaproduktion unterbunden, so dass die Tiere zwar zu einer Erektion, aber nicht zur Ejakulation in der Lage waren. Wenn sich diese Schnecken nun mit normalen Partnern zu paaren versuchten, brachen die gesunden Schnecken den Geschlechtsverkehr häufig vorzeitig ab. Die Wissenschaftler schließen aus diesem Verhalten, dass die Schnecken im Austausch für das eigene Sperma auf einer Spermagabe des Partners bestehen – bleibt diese aus, so beenden sie die Paarung. Den Forschern zufolge zeigt das Verhalten der Meeresschnecke, wie Zwitter ihre Investition in die Fortpflanzung optimieren, indem sie dem simplen Prinzip der Gegenseitigkeit folgen.
Nils Anthes (Universität Tübingen) et al.: Current Biology, Bd.15, Nr.19, S.792
ddp/wissenschaft.de – Christina Schallenberg


















