Der Duft des Hungers
Erdwanzennachwuchs signalisiert Nahrungsmangel mithilfe eines chemischen Cocktails
Hungrige Erdwanzenlarven sondern einen Duftstoff ab, um ihrer Mutter ihr Futterbedürfnis mitzuteilen. Diese Form der tierischen Kommunikation haben amerikanische Biologen entdeckt, als sie Wanzenmütter den chemischen Signalen von hungernden Jungwanzen aussetzten. Das animierte die Weibchen dazu, dem Nachwuchs ständig mit Futter zu versorgen. Rochen sie dagegen die Substanzen von gesättigten Larven, lieferten sie seltener Nahrung bei den Kleinen ab.
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Jungvögel im Nest oder Menschenbabys schreien lauthals, um ihren Hunger auszudrücken. Da Insekten die entsprechenden Sinnesorgane für Schreie oder auffällige Bewegungen fehlen, nutzen sie hauptsächlich chemische Signale für die Kommunikation. Mathias Kölliker von der Indiana-Universität in Bloomington und seine Kollegen untersuchten nun die chemischen Botschaften von Erdwanzenlarven genauer. Für ihre Studie zogen sie neu geschlüpfte, stecknadelkopfgroße Vertreter der Erdwanzenspezies Sehirus cinctus auf. Ein Teil der Tiere bekam nur wenig Futter, während andere sich stets satt fressen durften. Mit einem speziellen Gerät fingen die Wissenschaftler die Dämpfe auf, die die Jungtiere absonderten, und leiteten die Gase zu Müttern aus anderen, räumlich getrennten Wanzenkolonien.
Waren die Wanzenweibchen dem Duft der hungrigen Kleinen ausgesetzt, so fütterten sie ihren eigenen Nachwuchs sehr häufig mit Nussstückchen. In der Gegenwart von Dämpfen wohlgenährter Larven dagegen schafften sie nicht einmal halb so oft Futter herbei. Eine chemische Analyse der kindlichen Botenstoffe ergab, dass alle Larven ein Gemisch aus acht Bestandteilen absonderten. Eine Komponente davon war besonders stark im Duft hungriger Tiere vorhanden, während eine andere vor allem bei ihren satten Artgenossen zu finden war.
Als die Wissenschaftler die beiden Stoffe einzeln isolierten und sie zu den Wanzenmüttern bliesen, zeigten diese jedoch keine besondere Reaktion. Erst ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Duftnoten veranlasse die Insektenmütter, ihr Fütterverhalten zu verändern, schlossen die Wissenschaftler.
Science, Online-Dienst
Originalarbeit: Mathias Kölliker (Indiana-Universität, Bloomington) et al.: Proceedings of the Royal Society B, Online-Vorabveröffentlichung, ,DOI: 10.1098/rspb.2006.3475
ddp/wissenschaft.de – Anna-Lena Gehrmann

















