Stacheltier mit Identitätsproblemen
Neues Fossil bringt Klarheit über den Ursprung der Tiere
Das Tier war knapp einen Zentimeter groß und sah so ähnlich aus wie ein Silberfischchen mit einer harten Schale, dazu Schuppen auf dem Rücken und sichelförmigen Stacheln an beiden Seiten. Das merkwürdige Wesen, dessen versteinerte Überreste Simon Conway Morris und Jean-Bernard Caron in den berühmten Burgess-Schiefern in Kanada entdeckten, könnte dabei helfen, den Ursprung von Schnecken und Regenwürmern aufzuklären.
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Die beiden Forscher gaben dem Winzling den Namen Orthrozanclus reburrus (etwa "Behaarter Sichelvorfahr"). Das Tier lebte vor etwa 500 Millionen Jahren im Erdzeitalter Kambrium am Boden des Urozeans. Das Kambrium gilt als wichtigste Periode in der Entwicklung der Tiere, da damals praktisch alle Tierstämme plötzlich auf der Bildfläche erschienen – die berühmte kambrische Explosion des Lebens. Zu Beginn der Periode lagerten sich erstmals in der Erdgeschichte große Mengen zerbrochener Schalen, Schuppen und Stacheln ("small shelly fossils") auf dem Meeresboden ab. Paläontologen fällt es allerdings nach wie vor schwer, diese Trümmer unterschiedlichen Tierstämmen zuzuordnen, weshalb viele Verzweigungen im Stammbaum des Lebens noch rätselhaft sind.
Einige der ersten vollständig erhaltenen Tiere stammen aus den Burgess-Schiefern in Kanada. Manche dieser fremdartigen Wesen lassen sich bereits modernen Stämmen wie den Gliederfüßern oder den Chordatieren zuordnen, die Zugehörigkeit anderer Exemplare ist rätselhaft. Das neue Fossil könnte nun eine Lücke schließen. Conway Morris und Caron argumentieren, dass Orthrozanclus mit zwei besonders rätselhaften Wesen verwandt ist, die bereits den unterschiedlichsten Tierstämmen zugeordnet wurden. Zum einen sehen die beiden Forscher Ähnlichkeiten mit Wiwaxia, einer Kreatur, die einem Tannenzapfen glich und ebenfalls lange, sichelförmige Stacheln besaß. Der andere mutmaßliche Verwandte von Orthrozanclus hieß Halkieria: Beide Tiere wiesen eine durchgehende Schale im vorderen Teil des Körpers auf.
Conway Morris und Caron vermuten nun, dass alle drei Arten einen gemeinsamen Vorfahr besaßen. Ihrer Meinung nach gehörten die Schuppenwesen entweder zu einer Tiergruppe, aus denen bereits vorher die Weichtiere, also Schnecken, Muscheln und Kopffüßer, hervorgegangen waren. Eine andere Möglichkeit sehen die Forscher darin, dass Wiwaxia, Orthrozanclus und Halkieria einen eigenen Ast im Stammbaum des Lebens bildeten, der zwischen den Weichtieren und den Ringelwürmern liegt. "Heute sind diese Tierstämme sehr verschieden", schreiben die beiden Forscher, "doch im Kambrium lag noch eine viel kleinere Kluft zwischen ihnen."
Simon Conway Morris (Universität von Cambridge) und Jean-Bernard Caron (Royal Ontario Museum, Toronto): Science, Bd. 315, S. 1255
Ute Kehse


















