Wie Hammer, Amboss und Steigbügel an ihren Platz kamen
Neues Fossil beleuchtet die Entwicklung des Säugetier-Ohrs
Die Knochen eines 30 Gramm schweren Insektenfressers, der vor 125 Millionen Jahren im heutigen China lebte, versetzt Paläontologen in Begeisterung: Erstmals ist an dem Fossil Yanoconodon allini zu erkennen, wie sich das leistungsfähige Gehör der Säugetiere aus einem typischen Reptilienkiefer entwickelte, berichten Forscher um Zhe-Xi Luo vom Carnegie Museum in Pittsburgh.
ANZEIGE
Säugetiere können besser hören als alle anderen Wirbeltiere. Das verdanken sie dem kompliziert aufgebauten Mittelohr: Die Schallwellen aus der Luft werden durch das Trommelfell auf die Gehörknöchelchen Hammer, Amboss und Steigbügel übertragen, die die Schwingungen zur Flüssigkeit im Innenohr weiterleiten. Schon lange hatten Evolutionsforscher vermutet, dass die drei Knochen bei einem Urahn der heutigen Säugetiere noch zum Kiefer gehörten. Bei den Embryos einiger Säugetiergruppen ist dieser Übergang noch zu beobachten.
Die zarten Knochen von Yanoconodon belegen nun erstmals, dass die Theorie richtig ist. Hammer und Amboss gleichen zwar von der Form her denen eines modernen Schnabeltiers, sind aber noch über einen verknöcherten Knorpel mit dem Unterkiefer verbunden. "Yanocodon ist eindeutig ein Übergangsstadium in der Evolution des Säugetier-Mittelohrs", sagt Luo, "dieses wunderbar erhaltene Fossil liefert den Beweis."
Rätselhaft bleibt allerdings, wieso Schnabeltiere ein modernes Gehör besitzen, obwohl ihre Linie früher vom Stammbaum der Säugetiere abzweigte als die Familie, zu der Yanoconodon gehört. Die Forscher haben für dieses Phänomen zwei mögliche Erklärungen: Entweder entwickelte sich das feine Säugergehör zweimal unabhängig voneinander, oder es ging bei Yanocodon und seinen Verwandten wieder verloren.
Das Fossil besitzt auch noch andere ungewöhnliche Eigenschaften: Das kleine, Insekten und Würmer fressende Tier besaß 26 Wirbel. Fast alle ausgestorbenen und lebenden Säugetiere haben dagegen 19 oder 20 Wirbel. Selbst in der Lendengegend besaß Yanoconodon noch Rippen, was bei modernen Säugern ebenfalls äußerst selten ist. Das Tier kroch vermutlich am Boden herum, seine kurzen Beine und primitiven Füße waren gut zum Kriechen und Graben geeignet. Das Fossil stammt aus den Schichten der Yixian-Formation, die einen einzigartigen Blick in die Welt der mittleren Kreidezeit freigibt: Neben den berühmten gefiederten Dinosauriern wurden darin noch mehrere andere ungewöhnliche Säugetiere des Erdmittelalters gefunden.
Zhe-Xi Luo (Carnegie Museum für Naturkunde, Pittsburgh, USA): Nature Bd. 446, S. 288
Ute Kehse


















