Die ältesten Isländer
Isländische Flohkrebse lebten Jahrmillionen unter dicken Gletschern
Die riesigen Gletscher, die sich während der Eiszeiten über die Nordhemisphäre schoben, löschten nicht alles Leben aus: In Island müssen winzige Flohkrebse die Frostperiode im Grundwasser unter dem Eisschild überlebt haben, fanden die Biologen Bjarni Kristjánsson und Jörundur Svavarsson heraus.
ANZEIGE
Die Forscher entdeckten zwei bislang unbekannte Arten von Flohkrebsen, so genannten Amphipoden, die unter der Erde im Grundwasser leben. Es handelt sich um die ersten bislang bekannten Tierarten, die ausschließlich in Island vorkommen. Eine der Krebsarten gehört sogar einer unbekannten Familie an. Das lässt darauf schließen, dass sich die Krebse schon seit längerem eigenständig auf Island entwickelt haben.
Allerdings bildeten sich auf der mitten im Atlantik liegenden, isolierten Insel vor 2,6 Millionen Jahren dicke Eisschilde, die Island bis vor 10.000 Jahren kontinuierlich bedeckten. "Die Tiere können nicht erst nach dem Ende der letzten Eiszeit eingewandert sein", folgert Kristjánsson, "Sie müssen die Vereisung in einem Zufluchtsort unter dem Eis überdauert haben."
Die Forscher vermuten, dass die Winzlinge vor etwa 30 bis 40 Millionen Jahren nach Island kamen. Damals war der Vorläufer der Vulkaninsel noch mit Grönland verbunden. Grundwasser-Flohkrebse breiten sich von selbst nicht über größere Strecken aus und werden auch nicht von anderen Tieren weitertransportiert. Daher können die Krebse nur über eine Landverbindung auf die Insel gekommen sein, schreiben die Forscher.
Die Flohkrebse sind mit einer urtümlichen Gruppe von Amphipoden verwandt, die nur in Nordamerika und Europa vorkommt. Das bedeute, dass das isländische Grundwasser vor Urzeiten einmal mit dem Grundwasser des Urkontinents Laurasia in Kontakt stand. Vor etwa 60 bis 70 Millionen Jahren zerfiel die Landmasse in Nordamerika und Europa, wobei sich der Nordatlantik öffnete. "Wenn wir recht haben, dann haben wir die ältesten Bewohner Islands entdeckt", sagt Kristjánsson. "Das kann uns dabei helfen, zu verstehen, wie Island entstanden ist."
Bjarni Kristjánsson und Jörundur Svavarsson (Hólar University College, Sauðárkrókur, Island): The American Naturalist, Bd. 170, S. 292
Ute Kehse


















