Die Grenzen der Selbstkontrolle
Die Kapazität zur Selbstbeherrschung ist schnell erschöpft
Menschen haben nur eine begrenzte Kapazität zur Selbstbeherrschung. Anspruchsvolle emotionale Aufgaben strapazieren die Selbstkontrolle so stark, dass bei nachfolgenden Tätigkeiten ein Kontrollverlust erfolgen kann. Diesen Kontrollverlust konnte ein kanadisches-deutsches Forscherduo anhand der Gehirnströme im Frontallappen des Gehirns von Probanden direkt messen: Wenn die aktuellen Handlungen von Personen von deren Zielen abweichen, kann das Gehirn nicht mehr richtig gegensteuern, um die Kontrolle wiederherzustellen. Die begrenzte Kontrollkapazität kann erklären, warum beispielsweise Drogensüchtige so schlecht von ihrer Sucht wegkommen.
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Die Wissenschaftler führten in ihren Experimenten zunächst eine Situation herbei, die die Selbstbeherrschung der 15 Teilnehmer herausforderte: Diese schauten zwei Tierdokumentarfilme und mussten beim Anblick von Leid und Tod der Tiere in der Wildnis ihre Emotionen kontrollieren. 18 weitere Probanden in der Kontrollgruppe durften mitfühlen und sogar weinen. Alle Versuchsteilnehmer beantworteten danach Fragen, wie sie mit ihren Gefühlen umgingen. Im abschließenden Versuchsteil überprüften die Forscher, wie stark die Selbstbeherrschung strapaziert wurde. Die Probanden bekamen Aufgaben gestellt, die nochmals hohe Konzentration und Beherrschung erforderten: Ihnen wurde beispielsweise das Wort "grün" auf einem Monitor eingeblendet, allerdings in roter Schriftfarbe. Die Forscher zeichnete auf, wie sehr sich die Probanden davon irritieren ließen und wie lange sie für die Aufgabe brauchten.
Versuchsteilnehmer, die ihre Emotionen während des Tierfilms beherrscht hatten, schnitten bei dem anschließenden Konzentrationstest eher schlecht ab. Damit ging ein deutlicher Aktivitätsverlust in einer Region des Frontallappens des Gehirns einher. Dieser Hirnbereich ist immer dann sehr aktiv, wenn Abweichungen von den Zielen und dem Wollen des Menschen feststellt – beispielsweise das Wort "grün" zu lesen und nicht die Schriftfarbe "rot". Das Gehirn schaffe es demzufolge nur schwer, viele Aufgaben nacheinander mit einem hohen Maß an Selbstkontrolle anzugehen, berichten die Forscher. Menschen, die sich beispielsweise bei ihren Ernährungsgewohnheiten zügeln müssen, hätten es laut den Forschern schwer, weitere Ziele kontrolliert anzusteuern, etwa das Rauchen aufzugeben oder eine andere Verhaltensweise zu korrigieren.
Michael Inzlicht (Scarborough-Universität, Toronto) und Jennifer Gutsell (Universität Konstanz): Psychological Science, Band 18, Nummer 11
ddp/wissenschaft.de – Martin Schäfer

















