Unfreiwillige Superstars
Chemisch vorbelastete Vögel singen besser
Verschmutzte Gewässer können Vögeln auf vertrackte Weise Schaden zufügen: Hormonähnliche Substanzen in der Nahrung von männlichen Staren bewirken ein Anwachsen des fürs Singen zuständigen Gehirnbereichs. Die Qualität und Dauer ihrer Werbegesänge steigt, was sie für die Weibchen attraktiver macht. Der Fortpflanzungserfolg der chemisch vorbelasteten Männchen ist zwar größer, doch da die Chemikalien das Immunsystem belasten, sind die Überlebenschancen des Nachwuchses geringer, haben Biologen um Katherine Buchanan von der Universität in Cardiff herausgefunden. Damit ist zum ersten Mal gezeigt, dass hormonähnlich wirkende Substanzen in der Umwelt nicht nur Fische und Amphibien beeinträchtigen können.
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Die Forscher beobachteten Stare im Umfeld von britischen Abwasseraufbereitungsanlagen. Rund 50 Prozent ihrer täglichen Nahrung picken die Vögel im Winter aus den herausgefilterten Feststoffen in diesen Anlagen. Über eine chemische Analyse von Regenwürmern ermittelten die Biologen, welche Mengen an Chemikalien die Stare zu sich nahmen. Darunter waren auch etliche hormonartig wirkende Substanzen. In einem ersten Versuchsteil fütterten die Forscher eingefangene Stare mit Regenwürmern, denen ein einer solchen Tagesdosis entsprechender Chemikaliencocktail gespritzt wurde. In einer Kontrollgruppe bekamen die Vögel Regenwürmer ohne Hormonzusatz.
In einem gemeinsamen Käfig sangen die männlichen Vögel den Weibchen vor, währen die Forscher die Melodien aufzeichneten. Die Melodien der Männchen mit Hormonbehandlung waren komplexer, kraftvoller und variantenreicher, stellten die Forscher fest. An Gewebeschnitten des Gehirns zeigte sich später, dass diese Männchen größere Hirnbereiche fürs Singen hatten als die Männchen in der Kontrollgruppe. Die hormonähnlichen Substanzen hatten diese Gehirnbereiche zum Wachsen gebracht, folgern die Forscher. In einem weiteren Versuch spielten die Forscher den Weibchen über Lautsprecher die Vogelsongs vor. Die weiblichen Stare hielten sich deutlich häufiger vor den Lautsprechen auf, aus denen die komplexen Melodien erklangen.
Die Umweltverschmutzung scheint zunächst die betroffenen Vögel zu bevorzugen. Da deren Immunsystem jedoch durch die Chemikalien geschwächt ist, hätten gerade die schwachen Vögel den größten Fortpflanzungserfolg. Dies könnte sich negativ auf die gesamte Vogelart auswirken, vermuten die Forscher. Sie wollen ihre Studienergebnisse mit Experimente an freilebenden Vögeln untermauern. Bekannt war bislang lediglich, dass hormonartige Substanzen in Gewässern und Abwässern den Stoffwechsel von Fischen, Amphibien und Reptilien verändern.
Katherine Buchanan (Universität Cardiff) et al.: PloS ONE, Band 3, e1674
ddp/wissenschaft.de – Martin Schäfer

















