Präkambrische Spurensicherung
Riesige Einzeller hinterlassen Fährten im Meeresboden
Vor der Küste der Bahamas haben US-Forscher eine überraschende Entdeckung gemacht: Auf dem Meeresboden fanden sie Riesenamöben von der Größe einer Weinbeere, die sichtbare Furchen im Meeresboden hinterließen. Das Team um Mikhail Matz schließt daraus, dass auch versteinerte Spuren aus dem Erdzeitalter Präkambrium von Einzellern stammen könnten – und nicht von den ersten vielzelligen Tieren, wie bislang angenommen wurde.
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Bei dem Spurenproduzenten handelt es sich um einen kugelförmigen Einzeller namens Gromia sphaerica. Diese Amöbe stammt aus dem Reich der sogenannten Protozoen. Früher wurden diese Organismen auch "Urtierchen" genannt, weil sie sich wie mehrzellige Tiere ernähren, aber nur eine einzige Zelle mit einem oder mehreren Zellkernen besitzen. Die Forscher beobachteten zwar nicht, wie sich Gromia bewegt, aber die von Sand bedeckten Riesenamöben befanden sich jeweils am Ende einer manchmal geraden, manchmal gewundenen Spur.
Gromia galt bislang als unbeweglich. Jetzt vermuten die Forscher aber, dass sie sich mit Hilfe sogenannter Scheinfüßchen fortbewegt. Diese wandelbaren Ausstülpungen benutzen Amöben auch zur Nahrungsaufnahme. "In unserer Studie stellen wir einen Protozoen vor, der sich bewegen kann, makroskopische Spuren hinterlässt und einen großen, hydrostatisch gestützten Körper hat", sagt Mikhail Matz. "Im Angesicht dieses Beispiels können praktisch alle Spurenfossilien aus dem Präkambrium als Hinterlassenschaften von Einzellern interpretiert werden – von den 1,8 Milliarden Jahre alten Fossilien aus der Stirling-Formation bis hin zu den rätselhaften Ediacara-Fossilien."
Das Präkambrium umfasst praktisch die gesamte Erdgeschichte vor dem Erdzeitalter Kambrium, das vor 542 Millionen Jahren begann. Im Präkambrium war die Erde im Wesentlichen von Mikroben bevölkert. Erst in etwa 600 Millionen Jahre alten Gesteinen tauchen erste, meist grobe Abdrücke auf, die auf das Entstehen komplexerer Lebensformen hindeuten. Einige dieser Abdrücke werden als Spurenfossilien gedeutet – also als versteinerte Spuren von Lebewesen, die sich über den Meeresboden bewegten. Solche Spuren, so die bisherige Lehrmeinung, können nur komplexe Tiere erzeugen, deren Körper wie bei den meisten heutigen Tieren eine spiegelbildliche Symmetrie aufweist. "Bislang dachte man, dass ein Lebewesen einen Bauch, einen Rücken, eine Vorderseite und eine Rückseite besitzen muss, um sich in einer Richtung über den Meeresboden zu bewegen und eine Spur zu hinterlassen", erläutert Matz. "Jetzt zeigen wir aber, dass Protozoen Spuren mit einem ähnlichen Aufbau und ähnlicher Komplexität erzeugen können."
Die Interpretation von Fossilien aus dem Präkambrium müsse daher neu überdacht werden, so Matz. Vor 542 Millionen Jahren breiteten sich mehrzellige, komplexe Tiere plötzlich in großer Zahl und Vielfalt auf der Erde aus – ein Ereignis, das Paläontologen als kambrische Radiation bezeichnen. Die Forscher rätseln bis heute darüber, ob sich die Tiere damals tatsächlich explosionsartig ausbreiteten, oder ob bloß vorher keine Fossilien erhalten blieben. "Ich persönlich glaube, dass das gesamte Präkambrium ein exklusives Reich der Protisten war", sagt Matz. Um diese These zu belegen, analysieren er und seine Kollegen nun das Erbgut von Gromia sphaerica. Über die mobile Amöbe ist bislang so gut wie nichts bekannt.
Mikhail Matz (University of Texas, Austin) et al.: Current Biology, Online-Vorabveröffentlichung, doi: 10.1016/j.cub.2008.10.028
Ute Kehse



















