Gefühlte Empörung, echter Rassismus
Amerikaner tolerieren mehr Abwertungen von Schwarzen, als sie selbst glauben
US-Amerikaner tendieren dazu, ihr Engagement gegen Rassismus zu überschätzen. Zu diesem Schluss kommen Forscher nach einem Test mit 120 Studenten, die sie auf unterschiedliche Weise mit abwertenden rassistischen Äußerungen eines Weißen über einen Schwarzen konfrontierten. Sollten die Testteilnehmer lediglich ihre Reaktion in einer solchen Situation einschätzen, gaben die meisten ihrer Empörung Ausdruck. Erlebten sie jedoch tatsächlich einen derartigen Vorfall mit, blieben sie überraschend gleichgültig. Diese Fehleinschätzung des eigenen Engagements und das daraus resultierende Desinteresse könnten einer der Gründe dafür sein, dass Schwarze in den USA trotz der öffentlichen Ächtung von Rassismus immer noch diskriminiert würden, schreiben die Forscher.
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Anlass für die Studie sei ein offenkundiges Paradoxon der amerikanischen Gesellschaft gewesen: Einerseits versuche jeder, Verhaltensweisen zu vermeiden, die in irgendeiner Weise als rassistisch gedeutet werden könnten, und verwehre sich vehement gegen die Bezeichnung "Rassist". Andererseits seien offen rassistische Äußerungen und Taten gegenüber Schwarzen an der Tagesordnung. So haben laut aktuellen Umfragen mehr als zwei Drittel aller Afroamerikaner bereits Diskriminierungen an ihrem Arbeitsplatz erlebt, und fünfzig Prozent berichten von regelmäßigen verbalen Entgleisungen ihrer Mitmenschen.
Um diese Diskrepanz auf den Prüfstand zu stellen, teilten die Forscher ihre Probanden in eine Beobachter- und eine Erfahrungsgruppe. Letztere beobachtete direkt, wie ein weißer angeblicher Mitstudent von einem schwarzen leicht angerempelt wurde, als dieser den Raum verließ, und darauf mit Bemerkungen wie "typisch, ich hasse es, wenn Schwarze so etwas tun!" oder "ungeschickter Nigger!" reagierten. Die Beobachtungsgruppe sah die gleiche Situation entweder auf Video oder bekam sie lediglich erzählt. Alle Probanden sollten anschließend angeben, wie sie sich gerade fühlten, und dann entscheiden, mit welchem Mitstudenten sie zusammenarbeiten wollten.
Die Beobachter reagierten mit Empörung und waren deutlich weniger bereit, mit dem angeblichen Rassisten zusammenzuarbeiten. Dagegen blieben diejenigen, die den realen Vorfall erlebt hatten, überraschend cool und ließen sich in ihrer Wahl kaum beeinflussen. Die Gründe dafür seien vielschichtig, geben die Forscher zu. So werde das eigene Verhalten nicht nur von den Regeln bestimmt, die der Verstand als richtig erkennt, sondern auch von intuitiven Gefühlen – und dazu gehöre auch die unbewusste Identifikation mit anderen, beispielsweise über die gleiche Hautfarbe. Zudem tendiere das Gehirn dazu, negative Vorkommnisse zu filtern und sie so weniger schlimm erscheinen zu lassen. Es gelte nun, die Diskrepanz zwischen Selbsteinschätzung und tatsächlichem Verhalten stärker ins Bewusstsein der Menschen zu bringen, um den Rassismus zu reduzieren.
John Dovidio (Yale-Universität, New Haven) et al.: Science, Bd. 323, S. 276
ddp/wissenschaft.de – Ilka Lehnen-Beyel

















