Die Geheimnisse der Moas
Eingetrockneter Vogelmist gibt Einblick in ein verschwundenes Ökosystem
Der riesige Laufvogel Moa, der bis zum 16. Jahrhundert auf Neuseeland lebte, ernährte sich vor allem von relativ kleinen Pflanzen und Kräutern. Als die bis zu drei Meter großen Pflanzenfresser ausstarben, kam es auch zum Niedergang ihrer Futterpflanzen, berichten Forscher um Jamie Wood. Wie die Flora Neuseelands vor der Ankunft der ersten Europäer und ihrer Nutztiere aussah, entnahmen die Paläontologen einer ungewöhnlichen Quelle: Hunderten von Exkrementen der Riesenvögel.
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Paläontologen haben für die Ausscheidungen von Urzeittieren einen salonfähigen Namen gefunden: Sie nennen die meist versteinerten Ausscheidungen Koprolithen – übersetzt etwa: Kotsteine. Wood und seine Kollegen fanden in Felsspalten und Höhlen in der neuseeländischen Provinz Otago mehr als hundert Moa-Koprolithen. Die eingetrockneten Kotballen waren bis zu 15 Zentimeter groß, bis zu 3.500 Jahre alt und stammten von vier unterschiedlichen Moa-Arten, zeigten Analysen des Erbmaterials. Die Forscher analysierten außerdem vorhandene Pflanzen-DNA und untersuchten Pflanzenreste wie Samen, Früchte und Blattschnipsel unter dem Mikroskop.
Sie fanden heraus, dass Sträucher und Bäume anders als bislang angenommen nicht zur Hauptnahrungsquelle der Moas zählten. Stattdessen fraßen die Riesenvögel vor allem kleine Pflänzchen, die nicht größer als 30 Zentimeter werden. "Wir haben in den Koprolithen auch viele Pflanzen entdeckt, die heute selten oder sogar vom Aussterben bedroht sind", berichtet Jamie Wood. "Das deutet darauf hin, dass der Moa dazu beigetragen hat, dass sie sich vermehren konnten." Schon vorher hatten einige Forscher spekuliert, dass die Evolution bestimmter ungewöhnlicher Pflanzen in einer engen Beziehung mit dem Moa verlief. Die Studie von Wood und seinen Kollegen bestätigt diese Theorie nun.
Wie die Forscher berichten, hat sich das Ökosystem Neuseelands in den vergangenen 500 Jahren drastisch verändert. Bis zur Ankunft der ersten Menschen vor etwa 600 Jahren lebten dort außer drei Fledermaus-Arten keine Säugetiere. Zehn Moa-Arten waren die dominierenden Landtiere. Die größten Vertreter der Vogelfamilie wurden drei Meter groß und wogen 240 Kilogramm.
Später eingeführte Huftiere wie Hirsche oder Ziegen ernähren sich dagegen von ganz anderen Pflanzen als die Riesenvögel. "Neuseeland bietet uns die einzigartige Möglichkeit herauszufinden, wie ein Megafauna-Ökosystem funktionierte", sagt Alan Cooper vom Australian Centre for Ancient DNA, ein Ko-Autor der Studie. Bis vor einigen Jahrtausenden existierten auf allen Kontinenten faszinierende Lebensgemeinschaften aus großen Säugetieren, wie zum Beispiel Mammuts, Wollnashörnern und Riesenhirschen in Eurasien oder Riesenfaultieren und Riesengürteltieren in Südamerika. All diese großen Säuger starben nach und nach aus. Ob daran der Mensch schuld war oder die Klimaveränderungen am Ende der Eiszeit, ist unter Forschern umstritten. Antworten erhofft sich Cooper unter anderem in Australien. "Bei dem trockenen Klima dort müssten eigentlich ähnliche Hinterlassenschaften von den riesigen, ausgestorbenen Beuteltieren erhalten geblieben sein", vermutet der Forscher. "Die große Frage ist jetzt: Wo ist all das australische Aa geblieben?"
Jamie Wood (University of Otago, Neuseeland) et al.: Quarternary Science Review, Bd. 27, S. 2593
Ute Kehse



















