Vergessener Fischer-Knigge
Die wenigsten Länder fischen annähernd verantwortungsvoll
Mindestens 28 der 53 wichtigsten Fischerei-Nationen beuten das Meer auf unverantwortliche und umweltschädigende Weise aus. Sie sind für 40 Prozent des weltweiten Fischfangs verantwortlich. Die restlichen Länder sind auch keine Musterbeispiele, sondern fischen lediglich nach gerade noch akzeptablen Standards. Zu diesem Ergebnis kommt ein internationales Team von Forschern, das untersucht hat, wie gut sich die Staaten an einen Fischerei-Verhaltenskodex der UN halten. Der Code of Conduct for Responsible Fisheries ist eine freiwillige Richtlinie. Diese sollte durch verbindliche Gesetze ersetzt werden, fordern die Forscher um Tony Pitcher.
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Die Wissenschaftler werteten Literatur und Expertenmeinungen zur Fischereipraxis in den einzelnen Ländern aus. Sie vergaben Noten von Null bis Zehn in verschiedenen Kategorien, die Notenskala unterteilte sich außerdem in "gut", "bestanden" und "durchgefallen". Die Kategorien erfassten zum einen Zeichen des guten Willens und Bestrebungen, den Kodex umzusetzen, und zum anderen die praktischen Erfolge wie die Umsetzung von Fangquoten, die Kontrolle illegaler Fischerei, die Schonung von Ökosystemen wie Korallenriffen und die Verringerung von Beifang. Darunter werden Fische verstanden, die unerwünscht ins Netz gehen und nur zum Teil verarbeitet werden. Ständig werden große Mengen toter Tiere zurück ins Meer gekippt.
Die geprüften Länder bestreiten etwa 96 Prozent des Fischfangs in den Meeren der Erde – nicht einmal die Hälfte der Länder erreichte in der Durchschnittsnote ein "bestanden", kein einziges galt als gut. Die Spitzenreiter sind Norwegen, USA, Kanada, Australien, Island. Reiche Länder mit wenig Korruption schnitten tendenziell besser ab als ärmere Länder, allerdings mit Ausnahmen. So machten die EU-Länder durchweg eine schlechte Figur, auch Deutschland hat nur knapp bestanden. Dagegen finden sich unter den Top Ten auch die beiden ärmeren Länder Südafrika und Namibia. Daraus schließen die Forscher, dass auch mit geringen Ressourcen verantwortliche Fischerei möglich ist.
Als der Fischereikodex "Code of Conduct for Responsible Fisheries" Anfang der 1990er Jahre von der Welternährungsorganisation entworfen wurde, hätte ein verpflichtendes Abkommen politisch keine Chance gehabt, glauben die Forscher. Mittlerweile aber wisse die Welt Bescheid, dass die Überfischung die Ökosysteme des Meeres und letztlich den Menschen schädigt. Daher sei es an der Zeit für detaillierte internationale Gesetze, die den Fischfang regeln.
Tony Pitcher (University of British Columbia, Vancouver) et al.: Nature (Bd. 457, S. 658)
ddp/wissenschaft.de – Martin Rötzschke

















