Grammatikregeln für Affen
Krallenäffchen können formelle Mechanismen der Sprache lernen
Nicht nur Menschen, auch Krallenaffen können grammatikalische Regeln lernen, haben US-Forscher gezeigt: Werden Lisztäffchen mit einem System vertraut gemacht, bei dem unterschiedlichen Lauten immer die gleiche Silbe angehängt wird, erfassen sie sofort, wenn diese Regel verletzt wird und die Silbe plötzlich vor einem Laut erscheint. Offenbar verfügen die Tiere also ebenfalls über Teile der Steuermechanismen, die beim Menschen die Voraussetzungen für das Sprechen schaffen, schreiben die Forscher. Das Sprachsystem basiert demnach auf fundamentalen Wahrnehmungs- und Erinnerungsmodulen, die sich ursprünglich im Zusammenhang mit anderen, nicht sprachbezogenen Funktionen entwickelt haben.
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Die Wissenschaftler trainierten ihre 14 Testaffen in zwei Gruppen: eine lernte, einen Laut wie "bi", "ka", oder "gu" immer mit der angehängten Silbe "shoy" zu assoziieren, die andere lernte, das "shoy" immer vor dem Übungslaut zu erwarten. Das gleiche Prinzip wird in vielen menschlichen Sprachen verwendet, beispielsweise indem eine Endung an einem Verb eine Veränderung der Zeit signalisiert oder aus einem Substantiv ein Adjektiv macht wie bei "Weib" und "weiblich". Das "shoy" in der Studie wurde dabei immer von einer Männerstimme gesprochen und die Laute von einer Frauen- oder einer anderen, sehr tiefen Männerstimme.
Im eigentlichen Test hörten die Affen dann ihnen bis dahin unbekannte einsilbige Wörter wie breast (Brust), wasp (Wespe) oder swan (Schwan), wieder von einer anderen Stimme gesprochen. Auch diesen Wörtern war das "shoy" entweder vorangestellt oder angehängt. Entsprach das Gesagte nicht dem erlernten Schema – hörte die Vorsilbengruppe also etwa unerwartet "swan-shoy" statt "shoy-swan" – waren die Äffchen offensichtlich irritiert, beobachteten die Forscher: Sie schauten messbar länger auf den Lautsprecher, als wenn die Lautfolge ihrem gewohnten System entsprach.
Sie hätten natürlich nicht nachweisen wollen, dass die Äffchen sprechen können, betonen die Forscher. Es sei ihnen um die Frage gegangen, ob bestimmte Komponenten der Sprache auf grundlegenden Lern- und Gedächtnismechanismen beruhen, die auch im Tierreich vorkommen. Das scheine die Studie zu bestätigen – die Äffchen hätten schließlich das Prinzip eines zeitlich geordneten Musters problemlos verstanden. Die Tiere können also die Regeln und formellen Mechanismen bestimmter Sprachkomponenten erfassen, sie aber nicht mit anderen Aspekten der Sprache verknüpfen. Die einzigartige Sprachfähigkeit des Menschen basiert demnach nicht auf einzigartigen Denkmechanismen. Sie ist vielmehr deswegen einzigartig, weil der Mensch als einziges Lebewesen diese fundamentalen Lern- und Gedächtnissysteme mit den Mechanismen kombiniert, die für das Erzeugen und Verstehen von abstrakten Lauten und Konstruktionen notwendig sind.
Ansgar Endress (Harvard-Universität, Cambridge) et al.: Royal Society Biology Letters, doi: 10.1098/rsbl.2009-0445
ddp/wissenschaft.de – Ilka Lehnen-Beyel


















