Hitchcock-Vögel
Meisen töten in Notzeiten auch mal eine Fledermaus
Meisen machen Jagd auf schlafende Fledermäuse, wenn sie im Winter nicht mehr viel andere Nahrung finden. Ein deutsch-ungarisches Forscherteam hat die Tiere bei diesem ungewöhnlichen Beutefang beobachtet. Zudem wiesen die Wissenschaftler in Experimenten nach, was schon länger in Form von Anekdoten erzählt wird, aber noch nie systematisch untersucht wurde: Die Vögel erkennen die Fledermäuse an ihren Rufen und suchen gezielt ihre Höhlen auf, um sie zu fressen.
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Die Forscher verfolgten die Meisen in den Bükk-Bergen nahe der slowakischen Grenze im Nordosten Ungarns zwei Winter lang und konnten dabei 16 tödliche Attacken auf Fledermäuse verzeichnen. Die Meisen packten die Fledermäuse und pickten mit ihren Schnäbeln in Hitchcock-Manier Teile aus Muskeln, Gehirn und anderen Organen. Dies lasse auf gezieltes Fressen deuten und nicht auf Konkurrenz zum Beispiel um die Plätze in den Höhlen, die den Vögeln als Brutplätze dienen könnten, erklären die Forscher.
Um diese Hypothese experimentell abzustützen, belieferten die Wissenschaftler die Meisen im Winter mit zusätzlicher Nahrung. Tatsächlich gab es deutlich weniger Attacken, wenn die Vögel genug zu essen hatten. Die Fledermäuse müssen daher nur als Notmahlzeit herhalten, folgern die Forscher. In einem zweiten Experiment beschallten sie die Meisen mit Fledermausrufen, da sie vermuteten, dass die Vögel diese hören und deuten können und danach die Fledermausnester gezielt aufsuchen. Auch diese These bestätigte sich: Die Vögel wandten ihre Köpfe in Richtung der Lautsprecher und näherten sich diesen auch an. Einige flogen, andere hüpften dorthin, und allmählich wurden alle anwesenden Vögel von der Bewegung angesteckt.
Die Tatsache, dass die Vögel offenbar voneinander lernen, wollen die Forscher nun genauer untersuchen. Aus den 1940er Jahren sind schwedische Berichte von Fledermäuse fressenden Meisen überliefert, und in Polen beobachteten Forscher 1996 dasselbe Phänomen. Die Frage laute, ob sogenannte kulturelle Transmission, also das Weitergeben von angelernten Fähigkeiten, die ungarischen Meisen mit den polnischen verbinde, oder ob die beiden Populationen das Verhalten unabhängig voneinander entwickelt hätten, schließen die Forscher. Dies müsse in künftigen Untersuchungen geklärt werden.
Péter Estók (Max-Planck-Institut in Seewiesen) et al.: Biology Letters (doi:10.1098/rsbl.2009.0611).
ddp/wissenschaft.de - Martina Bisculm


















